Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 424 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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424 Oskar Baum: Die böse Unschuld. Vater gestempelt wird. Was aber dem Ganzen einen fast lustspielmäßigen Charakter verleiht, ist die Entdeckung zum Schluß, daß nach der Untersuchung eines Prager Professors (zu dem der junge Budweiser sie fuhrt,) das Mädchen gar nicht in Umständen ist, daß weder er noch andre jemals ihre Unschuld angefochten haben, und daß das Mädchen in einem hysterischen Anfall, in gutem Glauben an ihre Sünde, dieses Märchen von ihrer Verführung hat aufkommen und durch ihre Eltern weiterverbreiten lassen. Man sieht also, es sind die Umrisse zu einem ganz artigen Lustspiel, Konfliktkeime, Sensationellen, Sturm Wölkchen, doch nur Stürme im Wasserglase, nirgends ein wahrer Anprall zweier oder mehr gegensätzlicher Charaktere. Im Gegenteil, die Charaktere sind meist passiv, kontemplativ, von liebenswerter Weichheit, wienerischlebefreudig. Der Explosivstoff ist nur mit zarter Erauenhand berührt, gestreichelt (״effleurer“ nennt das der Franzose). Was uns an diesem so liebenswürdigen Sommerbuch hier eigentlich als Juden interessiert, das ist der Untertitel: Ein jüdischer Kleinstadtroman. Ist dieses Werk jüdisch, weil sein Verfasser Jude ist? Weil die Personen jüdische Namen tragen? Undenkbar. Also nur, weil die Tendenz jüdisch ist, weil die' Menschen typische Figuren aus dem Judentum, lebendiges Fleisch von unserem Fleisch sind, unser Atem in ihnen glüht? Wenn das der Fall wäre, müßte man es in bestem Sinne jüdisch nennen. Weil aber an einer Stelle des Buches der Jaum־ Kippur eine bescheidene Kölle spielt und dessen Feier mit Orgelklang und Damensang ziemlich umständlich, wenn auch geschickt und teilweise voll echter Stimmung beschrieben wird, das rechtfertigt jedoch den Untertitel ״jüdisch“ noch nicht! Dasselbe Stimmungsbild eines Versöhnungsfestes könnte ebensogut etwa in einem Dickens’schen Roman oder in einer beliebigen Tageszeitung stehen, ohne daß wir diese Werke im geringsten als jüdisch ansprechen oder empfinden würden. Wann ist ein Kunstwerk jüdisch? Wenn Tendenz, Charaktere und ihre Handlungsweise, Milieu, Stimmung, kurz die zahllosen unnennbaren Nuancierungen jüdisch sind, die