Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 422 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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422 Das deutsche Beispiel. allein erniedrigten und der Vernichtung preisgaben. Die Religion muß aber von dem wahrhaftigen Geiste der Liebe erfüllt sein. Sie darf nicht nur das Wort der Liebe auf ihr Schild schreiben, wie den schönen Wahlspruch eines alten Edelmannes. Die Liebe muß die Grundlage aller Handlungen werden, sie muß die Grundgesinnung jedes religiösen Menschen bilden. Da muß dann die tägliche Gewohnheit allen Menschen zur zweiten Natur werden. Ein sehr falsches Sprichwort behauptet, daß Not beten lehrt. Das ist nur für denjenigen richtig, der das Beten gewöhnt ist. Dieser wird in der Stunde der Gefahr und Bedrängnis den rechten Gebrauch von dem gewohnten Gebete machen. So müßte das deutsche Volk zur wahren Liebe erzogen werden, um die Volksgenossen, darunter auch seine jüdischen Brüder, in Freundschaft zu umfassen. So würde es auch die Freundschaft aller übrigen Völker wieder erlangen. Und die Deutschen müßten wieder erwerben lernen. Mit Scharfsinn und Tüchtigkeit, aber auch in unermüdlich fleißiger Arbeit müssen sie neue Erwerbsmöglichkeiten schaffen. Von den Juden können sie darin lernen und haben sie wohl auch schon gelernt, unter schwierigen Verhältnissen sich zu erhalten, um wieder in die Höhe zu kommen. Und dabei sollen auch die geistigen Güter, die das deutsche Volk immer Ifoch geschätzt hat, zu ihrem Hechte gelangen. Was unsere Feinde uns zum Hohne angedroht haben, müssen wir zu Ehren bringen. Wir wollen wieder das Volk der Denker und Dichter werden, das der Welt die Früchte seiner Geistesarbeit zur Beglückung aller Menschen schenken wird. Was Juden und Deutsche miteinander gemein haben, was jene bisher erhalten hat und das Fortbestehen dieser gewährleistet, das ist der Glauben an eine große Mission. Die Juden haben sich diesen Glauben während ihrer Irrfahrten durch die Jahrhunderte bewahrt, das Vertrauen, daß in der Zukunft das Heil der Welt liegt, und daß sie berufen sind, die Religion der Gerechtigkeit und der wahren Menschenliebe in ihrer ursprünglichen Reinheit zu erhalten. Und so sollen auch die Deutschen an ihre Mission glauben, an die Befreiung der