Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 419 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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Das deutsch© Beispiel. 419 und Gemüter zu bewirken. Wir haben hier ein lebendiges, für uns alle überaus beschämendes, trauriges Beispiel dafür, was Ud glück, was Verfolgung, was Verkennung aus einem ganzen Volke zu machen imstande sind. Und wir lernen an diesem Beispiel die Größe des jüdischen Volkes schätzen, das nun durch zweitausend Jahre gegenüber so viel Unglück und Bedrückung, so viel Haß und Verfolgung Stand gehalten hat, und dessen Einbuße an manchen Tugenden wir nach diesem Schiffbruch aller so gerühmten vortrefflichen Eigenschaften eines vorher mächtigen Volkes mit ganz anderem Verständnis und ganz anderer Nachsicht beurteilen müssen. Aber zugleich gibt uns das Schicksal des jüdischen Volkes die Hoffnung, daß auch das deutsche Volk sich aus seiner Schmach wieder erheben wird, daß seine hohen sittlichen und geistigen Grundeigenschaften wieder von neuem erwachen und es aus der Erniedrigung und Verrohung zu einem neuen reinen Leben erretten werden. Eine solche Betrachtung hat also einen durchaus praktischen Zweck, weil wir den Weg suchen müssen, auf dem unser Heil zu erwarten ist. Einfach und ganz im alten, zum Glück veralteten, Sinne ist der Gedanke, daß die Gewalt uns wieder aus dem Elend herausreißen muß. Aber diese Aussicht will uns eben die Macht unsrer Feinde vollkommen nehmen und hat darum ihre Friedensbedingungen so vernichtend gestaltet, daß wir Jahrzehnte lang nicht an unsere Erhebung durch die Gewalt denken können. Da müssen wir an dem Beispiel des jüdischen Volkes lernen, wie wir uns aufrecht halten, wie wir in der Erniedrigung unsern Stolz, in der Demütigung unsre nationale Eigenart bewahren. Zwei Eigenschaften hat die Bedrückung der Juden in ihnen erweckt und dauernd erhalten, die Liebe zu ihrer Religion, die Verinnerlichung durch die Religion, und die Liebe zum Besitz, die Fähigkeit, unter den schwierigsten Bedingungen das Leben zu fristen. Das sind die beiden Eigenschaften, die wir auch als Deutsche zunächst brauchen. Wir müssen uns durch Pflege hohen geistigen und sittlichen Strebens gegen die Verachtung der Welt und gegen