Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 402 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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402 Die Einheit des Judentums. Nur in Zeiten der Not, des Krieges, der Pogrome, dann bricht ein Strom tiefer und tätiger Liebe aus den Herzen der rat- und hilflos bei Seite stehenden und will wie efn heilendes Wunderwasser die Qualen der leidenden Brüder lindem. Aber seien wir doch ehrlich! Ist dies denn mehr wie ein Eintagsgefuhl und — sei es mehr! Ist denn diese ״Liebe״ etwas anderes als ein plötzliches Erschrecken, ein Teilhaben an der ganzen Judennot, ein Sichgeschlagenfühlen, wo irgend ein Jude geschlagen wird, und ist es so, dann werden wir diese ״Einheit“ der Liebe aus denselben Argumenten ablehnen müssen wie die des Hasses und werden dies nicht scharf genug tun können. Denn sie annehmen, heißt die jüdische Einheit als Objekt konstituieren. Die jüdische Geschichte wird auf diesem Wege eine Geschichte des Leidens, der Passivität, eine Aufzählung der mehr oder minder sadistischen Grausamkeiten der Wirtsvölker, etwa in der Form, wie sie ein schlechtberatener Geschichts- Schreiber nach den Dokumenten des Zentralvereins schreiben würde. Eine Judenheit aber, die selbst und deren Gefühle nur daraus resultieren, daß sie von ihrer Umgebung einer mehr oder minder drastischen Abneigung gewürdigt wird, hat eine absolute Existenzberechtigung verloren. IY. Wer sich mit dem Entschluß, diesen Verzicht anzuerkennen, nicht zufrieden geben will, wird sich alsio eine andere Art des Forschens zu wählen genötigt sehen, um die gewünschte Einheit zu finden. Er wird die aktivste Form, in der jüdisches Leben zum Ausdruck kommt, suchen und wird sich fragen müssen, ob hinter ihr nicht die Idee der wahren, das heißt der lebendigen Einheit des jüdischen Volkes lebt. Diese Fragestellung unterscheidet sich von den bisherigen kurz als die des umgekehrten Weges. Es ist wohl ebenfalls die Frage nach der ßealität, sucht aber nicht in dieser, sondern nur in ihrer Erkenntnis die Idee, welche alle Dinge