Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 322 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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3 22 Glossen. Stunde die Lebensenergie des Judentums offenbart, immer neue Schalen der jüdischen Eigenart um den alten gottgepflanzten Kern gebildet haben, daß es schlechterdings im Kreise der Völker nichts ethnisch und geistig so Sondergeartetes gibt wie den Juden?: Es steht doch irgendein welker französischer Israelit auf, versucht dieses uralte und ewige Leben mit seinem armseligen, eingebildeten Glückchen zu erschlagen und hetzt seine Landsleute und die ganze Öffentlichkeit gegen alle Regungen dieses Lebens. Oder irgendein deutscher Riehtlinienmann, der sich mit ganz undeutscher Ungründlichkeit in sein Volldeutschtum verbeißt und dabei gelegentlich sogar die Entdeckung macht, daß auch ״Thoranation“ nichts anderes als Glaubensgemeinschaft bedeutet. Und wieder andererseits: Was will es sagen, daß der Jude bei aller Verschiedenheit seines Wesens vom Wesen der anderen doch Tag für Tag, Stunde für Stunde an Beziehungen feinerer und gröberer Art zwischen sich und den Ländern, in denen er weilt und den Völkern, zwischen denen er wohnt, erinnert wird — an Be- Ziehungen, die gewürdigt und anerkannt werden müssen, soll nicht der sittliche, geistige und materielle Bestand des jüdischen Menschen unheilbaren und unheilvollen Schaden erleiden? Irgendein ganz verstiegener nationalistischer Wortführer läßt sich ja doch nicht davon abhalten, uns mit Forderungen anzufallen, die nicht etwa einer entschiedenen Absage an die Weltanschauung unserer nichtjüdischen Mitbürger — oh, das nicht! — sondern einer wilden sinnlosen Aufkündigung jedes uns mit ihnen gemeinsamen Interesses für Land und Staat, einer Verneinung aller geschichtlichen Tatsächlichkeit und einer Bedrohung unseres äußeren und inneren Menschen gleichkommen. Es geht eben nichts über ״Konsequenz“. Die neue Zeit• Es ist nicht bei Lemberg geblieben. Lemberg ist schon mehrfach überboten. An jedem Tage fallen tausende jüdischer Todesopfer. Und noch immer haben die Würger nicht genug. Aber auch noch immer tönt von keiner Seite das Machtwort, das ihnen Einhalt gebietet. Soviel Respekt vor dem ״Selbstbestimmungsrecht der Völker“ haben selbst unsere Erwartungsvollsten nicht erwartet. Ja, die neue Zeit. . .