Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 321

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 321 (sequence 99)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2292929-2292989-2292992--03614-2296892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Glossen. 321 Nun ist es ja wirklich höchst bedauerlich, daß der Purim so ohne alle Rücksicht auf den dernier cri unserer Nurnationalsten und nationalistischer Neureligiöser eingesetzt wurde. Aber es ist doch andererseits nicht so klar, warum die besondere Fürsorge, die der Allmächtige unserem Volke angedeihen läßt, nur in heroischen und nicht auch in einfachen schlichten Ereignissen zutage treten, und warum Religion an solche Ereignisse nicht ebenso inbrünstig oder dankbar anknüpfen sollte. Auch das sollten die strengen Herren bedenken, daß der liebe Gott sicherlich ebensowenig Anlaß hat, prüde zu sein, wie wir, uns seines Waltens und des Wirkens seiner Sendlinge, aus Prüderie am Unrechten Platze, nicht zu freuen. Und wenn sich die unumwundensten Bekenner Gottes darüber getröstet haben, daß im Buche Esther kein einziges Mal ausdrücklich von ihm gesprochen wird, so könnten sie, die ihn gewohnheitsmäßig umschreiben, sich doch wahrlich auch beruhigen — um so mehr als das Fasten der Esther deutlich genug gegen die Annahme spricht, als ermangle die Megilla des religiösen Ernstes. Immerhin verdienen sie unsern Dank dafür, daß sie wenigstens die alte ungeschminkte volkhafte Purimfreude des Ostens am Leben lassen wollen und uns durch die Ver- Warnung an die ihnen nahestehenden Purimfeierer die Aussicht eröffnen, daß zumindest dieses Fest in absehbarer Zeit von den bekannten Stilisierungen behütet sein wird. Immer nur konsequent• Es gibt ein ״Alles oder Nichts" der Starken, die daran gehen, Erkanntes mit Strenge gegen sich und allenfalls auch gegen andere zu verwirklichen, und ein ״Alles oder Nichts44 der Doktrinäre, die sich mit ihrem Erkennen selbst in sogenannte Konsequenz verrennen. Leider ist die Judenheit von heute arm an jenen Starken und desto reicher an diesen Doktrinären. So sehen wir gerade jetzt, da dem jüdischen Volke nichts dienlicher wäre, als beherrschtes Denken und entschlossenes Handeln, Leute am Werke, die durch ihre Denkexzesse die Tatsachen beleidigen und die Volkstat gefährden. Was macht es aus, daß sich in zwölf von den vierzehn Millionen Juden Tag für Tag, Stunde für 22

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.