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Jeschurun · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 320

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 320 (sequence 98)
Language
German
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320 Glossen. ‘ Die Wiener Orgelgegner setzen nun viel Mühe und Fleiß daran, um diesen Nachzüglern oder Snobs nach Gebühr zu begegnen. Zu diesem Zwecke wissen sie sogar eine ganze :Reihe von Männern, die sonst zu den Yorkämpfern des religiösen Liberalismus gehören, als Eideshelfer anzuführen. Und solche Abwehr mag auch im Geplänkel des Tages nützlich oder gar unentbehrlich sein. Aber wer sich nur durch säuberlich und verdienstlich gesammelte Literatur mehr oder weniger mühselig überreden läßt, •die Orgel abzulehnen,' bleibt ein unsicherer Kumpan, der bei einer nächsten Offensive der Orgelfreunde umfallen kann, wie er schon in tausend anderen Hinsichten umgefällen ist. Verlassen kann man sieh nur auf diejenigen,, die vom festen grundsätzlichen Boden aus jeder der vielen Launen der großen Religionsgenies von ״Zeitgeists־״, Bequemlichkeits- und Nachahmungsgnaden, jeder von den aus der Fremde müßigerweise herbeigeschleppten ״Neuerungen״ den Eingang in ihr Judentum versagen. Ihnen können die Orgelweisen ״lange was vororgeln“. ... Purim in Ungnade. Man hört, daß gewisse nationalneureligiöse Kreise einen ernstlichen Vorstoß gegen den Talmud planen. Ob und wieweit dieses Gerücht auf Wahrheit beruht, wird sich ja bald zeigen. Vorläufig ist nur ein Vorstoß gegen das Purimfest erfolgt. Die ganze bei den Nationalen schon lange bestehende, nur bisher verschwiegene Abneigung ist plötzlich laut, sogar sehr laut geworden. Man ist mit dem Ghettogeist unzufrieden, der aus der im Buche Esther erzählten Geschichte wehen soll. Man ist mit dem Mittel, durch das die Königin Esther auf den König wirkte, nicht zufrieden und verwahrt sich daher gegen die Gleichstellung Esthers mit Frauen wie Mirjam und Debora. Man weist — ״mit frommem Augenaufschlag“ würden die freigeistigen Kritiker in solchem Falle höhnen — auf die Tatsache hin, das im Buch Esther Gott kein einziges Mal erwähnt wird. Und man erklärt schließlich, das Purimfest allenfalls noch in seiner karnevalsmäßigen Begehung im Osten, aber durchaus nicht als Gegenstand nationalistischer Veranstaltungen ertragen zu können.

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