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Jeschurun · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 319

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 319 (sequence 97)
Language
German
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Glossen. 319 Chassidim, mehr national und mehr anational Orientierte, plötzlich sich suchten und sich fanden, daß entgegen allen bisher bestandenen Bedenken, Schwierigkeiten und Schwächlichkeiten plötzlich die Kräftezusammenfassung, die Weltorganisation der überlieferungstreuen Juden Tatsache wurde. Eine Tatsache, an der keine andere mehr rütteln, kein Mißvergnügen mehr etwas ändern kann. Gewiß werden sich der Anwendung der beschlossenen Organisation auf die Wirklichkeit der einzelnen Länder mannigfache Hindernisse entgegenstellen, gewiß werden auch die besonderen Schrecken der Tagesgeschichte hemmend und verzögernd eingreifen. Der Schritt zur bewußten Tat bleibt nun aber einmal doch getan, und die weiteren Schritte, ob rascher oder langsamer, müssen folgen. Wiener Sorgen» In einer Zeit, in der die mächtigsten Reiche Zusammenstürzen wie die Kartenhäuser, die schrecklichsten Pogrome wüten, Palästina in Diskussion steht, das Judentum als Religion und Weltanschauung vor einer Kraft• probe sondergleichen steht, gibt es in einer Stadt, die hungert und durch die Zerstückung des alten Reiches, dessen Mittelpunkt sie bisher war, plötzlich ihres Glanzes entkleidet ist, in der fast eine Viertelmillion Juden lebt, gibt es in Wien einen Kampf um die — Orgel. Gewiß muß alles seine Zeit haben, wie schon Koheleth wußte. Aber es gibt Dinge, deren. Zeit wiederkommt, wie z. B. das Lachen und das Weinen, und solche, deren Zeit kommt und vergeht, um niemals wieder zu kommen, und dahin gehören solche Anwandlungen wie die jüdische Orgelsucht. Als diese vor so und so viel Jahrzehnten auftrat, entsprach sie dem Stadium, in dem sich damals die eben erst ״emanzipierte“ Westjudenheit befand, d. h. sie war eine ihrer zeitgemäßen ״Jugend־״Eseleien. Wenn sie sich aber heute meldet — nach allen den getäuschten Hoffnungen, nach all dem geschluckten innern und äußern Elend und gerade in dem Wirrwarr von heute, kann sie nicht einmal mehr Zeitwahn, sondern nur noch Marotte einiger unbelehrbarer Nachzügler oder unter Umständen gar nur Sport einiger Snobs sein.

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