Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 307 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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Die legitime und die sogenannte ״Volksreligion“ Israels. 507 2. Aber gab es neben ihr in Israel nicht auch noch eine andere Religion? Diese Frage haben die Geschichts- Schreiber Israels, wenn auch mit Schmerz, so doch mit Freimut bejaht. Denn dieselben haben überhaupt nicht, wie neuerdings so oft gesagt worden ist, ihre Bilder auf Goldgrund gemalt. Im Gegenteil ist es ein höchst bemerkenswerter Charakterzug der hebräischen Geschichtsschreibung, daß sie auch bei den Persönlichkeiten, die sonst hoch zu rühmen waren, wie z. B. David oder Salomo, doch etwaige Fehler nicht vertuscht hat. Diese Wahrheitsliebe der hebräischen Geschichtsbücher zeigt sich nun auch darin, daß sie nicht behauptet haben, daß stets die ganze Nation ebenderselben Religion angehangen habe. Vielmehr berichten sie ausdrücklich über eine längere Reihe von religiösen Vorstellungen und Gebräuchen, denen kleinere oder größere Kreise Israels gehuldigt haben. Diese Nüancen von religiösen Anschauungen und Praktiken, denen bald mehr bald weniger Leute im alten Israel sich zugeneigt haben, werden am richtigsten in folgenden sechs Gruppen vorgefuhrt, die mit den vorhin aufgeführten Faktoren und Grundsätzen der legitimen Religion parallel gehen. Manche neigten erstens der Wahrsagerei oder Mantik zu. Wie in bezug auf Laban bemerkt wird, daß er Zeichendeuterei trieb (1. Mos. 30, 27), so mußten auch in Israel oftmals Gesetzgeber und Propheten gegen die freilich erklärliche Neigung, durch nicht von Gott dargebotene Mittel die Geheimnisse der Zukunft zu erforschen, einen scharfen Kampf führen. Denn, um nur ein einziges Beispiel anzuführen, so klagt Hoseä (4, 12): ״Mein Volk befragt sein Holz, und sein Stab soll ihm weissagen.“ Man trieb also die sogenannte Rhabdomantie, wie sie auch als bei den alten Deutschen gebräuchlich von Tacitus in seiner Germania, Kap. 10 beschrieben wird. Zum Gebiete der Wahrsagerei gehörte ferner auch der falsche Prophetismus, wie er geschichtlich besonders in jener eigenartigen Szene hervortritt (1. Kön. 22,4 ff.), wo vierhundert Propheten dem Könige Ah ab nach dem Munde redeten. Denn diese Propheten behaupteten zwar, im Namen des Ewigen 21*