Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 299 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292992--03592-2296870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Di© legitime und die sogenannte ״Volksreligion“ Israels. 299 I. Das Urteil der alten Quellenschriften über legitime und andere Religion in Israel. Wie aber könnte ich die Leistung der mir gestellten Aufgabe richtiger beginnen, als daß ich über die uns beschäftigende!Frage zunächst den alten Religionsbüchern Israels das Wort erteile? 1. Nun nach den Quellenaussagen gab es im alten Israel eine Religion, in deren Pflege man sich mit allen besten Vertretern der Nation einig wußte, bei deren Verteidigung das Herz sich freute, bei deren Verletzung aber die Seele trauerte. Das war die Religion d. h. Verbindung mit Gott, die zu Abrahams Zeit begründet worden war. Denn die Urkunden Israels behaupten nicht, daß von jeher in Abrahams Verwandt« schaft ebendieselbe Religion geherrscht habe. Vielmehr berichten sie ausdrücklich, daß die Vorfahren Abrahams einstmals jenseits des Euphrat andere religiöse Anschauungen ge« hegt haben. Wir lesen ja die überaus bemerkenswerte Nach« rieht: ״Eure Väter wohnten vorzeiten jenseits des Stromes, (d. h. des für Vorderasien bedeutungsvollsten Flusses), und dienten andern Göttern. Da nahm ich Euren Vater Abraham von jenseits des Stromes und ließ ihn im ganzen Lande Kanaan wandern‘4 (Jos. 24, 2f.). Da wird also mit deutlichen Worten bezeugt, daß zu Abrahams Zeit mit dessen Berufung durch Gott eine neue Epoche in der Religionsgeschichte eingetreten ist, und die Richtigkeit dieser alten Kunde zu verwerfen, wie mancher neuere Geschichtsschreiber tut, heißt nichts weniger* als den besten Grundsatz der Geschichtsforschung ignorieren. Denn die epochemachende Bedeutung von Abraham für die Religionsgeschichte wird von allen alten Quellen bezeugt. Wie richtig sagte aber schon Lessing in seiner ״Duplik“: ״Wenn Livius und Polybius und Tacitus ebendasselbe Ereignis, etwa ebendasselbe Treffen, ebendieselbe Belagerung, jeder mit so verschiedenen Umständen erzählen, daß die Umstände des einen die Umstände des andern völlig Lügen strafen: hat man