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Jeschurun · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 258 (sequence 36)
Language
German
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2 58 Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. Mag Wilson sich auch manchem widersetzt und durch seine Mitarbeit noch Schlimmeres verhütet haben. Fest steht, daß wir in dem Ergebnis nichts anderes sehen, als das Resultat derselben Politik, die man bisher zwischen den Völkern getrieben. Lug und Trug — denn der Waffenstillstand wurde ja unter ausdrücklicher Beziehung auf die vierzehn Punkte geschlossen — in den Grundzügen und Lug und Trug in der Auslegung. Es war eine schlechte Politik, wenn Wilson wirklich je die Absicht hatte, seiner Idee des Völkerbundes und eines Friedens der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Er hätte dafür sorgen müssen, daß Deutschland durch den Waffenstillstand nicht völlig wehrlos gemacht wird. Dann wäre Amerika das Zünglein an der Wage geblieben, es hätte seinen Forderungen immer Nachdruck verleihen können. Aber er war und blieb immer der Feind, der ganz nach dem alten Muster zunächst den Feind vernichten wollte. An diesem elementaren Widersinn, daß der Ankläger und Prozeßgegner ein gerechter Richter sein könne, mußte seine Mission, wenn er sie je ernst genommen, scheitern. Wiederum ist ein Idol gestürzt. Und mit diesem Idol auch die Hoffnung auf die Erfüllung eines Ideals. Auf die Erfüllung durch eine Menschheit, die in Worten sich zu den edelsten Regungen bekennt, aber nicht den Versuch macht, den Läuterungsprozeß an sich selbst und vor allem in den Einzelindividuen zu vollziehen. Wahrlich die Liebe, die die Völker und ihre politischen Führer verkündet haben, ist immer Lüge gewesen. Es gibt ein Midraschwort, das man immer apologetisch ängstlich umzudeuten gesucht hat, weil es von Israel so Großes und von den Völkern so Häßliches sagt: צדקה תרומם גוי והסד לאמים חטאת Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, das ist Israel, und die Liebe der Völker das ist Sünde, das sind die anderen Völker1). Unter Israel ist hier, wie selbstverständlich, das Ideal-Israel gemeint, das den Geboten *) Dem Wortsinn nach, bedeutet חסד hier wie im Lev. 20, 17 Schande, Schmach; also: und eine Schmach für die Völker ist die Sünde.

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