Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 257 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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257« Mnssarbemerktmgen zur Zeitgeschichte. hat, fiel Woodrow Wilson die Aufgabe zu, die Sehnsucht der Welt zu verwirklichen und ihre Huldigungen entgegenzunehmen. Die Zeit und die Gelegenheit waren gleicherweise günstig. Die Strömung der Auflehnung gegen alle Vorrechte, die Forderung nach der Abschaffung der Autokratie und nach deren Ersatz durch ein politisches und wirtschaftliches System, in dem das Volk tatsächlich herrschen soll, waren zu einem Entwicklungspunkte gediehen, an dem scheinbar nichts mehr nötig war, als eine kluge und anfeuernde Führung, um die größten Gewinne für das Wohlergehen der Menschheit * zu sichern. Das Vertrauen, das die Welt Wilson schenkte, die Bitten, die in gutem Glauben an ihn gerichtet wurden, die hohen Erwartungen, mit denen man jedes seiner Worte entgegennahm, waren ebenso rührend in ihrer Einfachheit wie überwältigend in ihrer Masse. Woodrow Wilson war die Hoffnung der״ Demokratie, und die Furcht seiner Feinde war das Vertrauen seiner Freunde. Wie hat nun Präsident Wilson das Vertrauen gerechtfertigt, das ihm entgegengebracht wurde? Der ehemalige Abgott der Demokratie ist heute entthront und verdammt, seine rhetorischen Phrasen, diese zerfetzten und verwitterten Splitter von Gedanken, von denen man heute nicht mehr weiß, ob er selbst wirklich je an sie geglaubt hat, diese schwungvollen Redensarten werden nie wieder mit jenem hypnotischen Reiz in die Ohren gieriger Millionen tönen. Die Maske, die mit ethischen Vorschriften und politischer Philosophiererei verbrämt war, ist gefallen, und die Völker erblicken nicht einen treuen Freund, sondern einen anmaßenden Autokraten und opportunistischen ״politician״ ..... Wie es auch immer gehe, die betrogenen und mißachteten Völker werden selbst die Führung in die Hand nehmen, denn nach der abschreckenden Erfahrung mit Woodrow Wilson und der Friedenskonferenz werden die Massen wohl keinem Führer mehr trauen. Das ist der Ausblick, den der morafische Zusammenbruch von Versailles der Welt eröffnet, das ist das verheißene Land, dem die Völker der Welt mit all ihrer Kraft entgegendrängen! Deutschland ist zermalmt, und die Autokratie sitzt auf dem Throne und würgt die Freiheit zu Tode.“ 18