Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 259 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. 259 «eines Gottes folgt, das der Forderung der Gerechtigkeit, wie sie sein Gottesbegriff einschließt, wie sie seine Rechtssatzungen und Sittenlehren gebieten, nachkommt. Aber die Liebe der Völker ist Sünde. Auch ihre Ideale sind Sünde, denn sie sind Übertreibungen, die gleich von Anfang an dazu verurteilt sind, nie Wirklichkeit zu werden, die, niemals ernst genommen, immer den Schein statt des Seins vorspiegeln und dadurch, daß sie immer im Munde geführt, aber nie in die Tat umgesetzt wer־־ den, die Menschen dazu verführen, ihr ganzes Leben zu einer Scheinwelt zu gestalten, nicht nur zu reden, als ob man den! Ideal gerecht werde und die anderen zu täuschen, sondern auch sich selbst zu belügen, als habe man für die Gestaltung der Welt und für die Läuterung des eigenen Ich, für die Selbst- Vervollkommnung etwas erzielt, wenn man das Ideal feierlich verkündigt, auch wenn man nie einen Schritt getan, um nur einen kleinen Teil in das wirkliche Leben einzuführen. Die Lüge, das ist die große Sünde unserer Zeit und daß das gewaltige Drama der Weltgeschichte, das wir erlebt, sie noch so wenig aus der Menschheit hat scheuchen können, das ist das schwerste Erlebnis aller derer, die gehofft, daß der Weltkrieg für die Erziehung der Völker ein Beträchtliches würde beitragen können. Die Lüge herrscht bei den Führern, Lüge in der Masse, Lüge bei Freund und Feind. Bewußte Heuchelei oder Selbstbetrug. Und das alles verhüllt unter dem Namen Politik. Ja, unsere Propheten, sie wußten wohl, weshalb sie sc heftig gegen jede Politik gekämpft, denn sie ist die inkarnierte Lüge, nur schlimmer und vergiftender als diese ihre Schwester. Und man nehme unsere unübersehbare Talmud- und Midrasch- und rabbinische Literatur, man wird in diesem großen Sprecksaal. der alle Äußerungen, die gelegentlich gefallen, alles, was sich je unter den großen Männern begeben, getreu aufzeichnet, mancherlei finden, was an dem Maßstab der Vollkommenheit gemessen, vielleicht als menschliche Schwäche erscheint; aber wo ist in jenem gewaltigen Schrifttum, das uns von allem erzählt, nur ein Ansatz zu jenem System zu finden, das unsere Politiker mit 18*