Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 250 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292992--03543-2296821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
250 Mussarbemerkxmgen zur Zeitgeschichte. die kommende Auseinandersetzung zu sichern, Deutschland in grober Weise zu täuschen durch einen höflichen Gedanken* austausch über Goethe und Shakespeare und dadurch, daß man mit Emphase versicherte, das Vorhandensein einer mächtigen deutschen Flotte würde in England als wertvolle Bürgschaft für die Erhaltung der Zivilisation angesehen werden, über das Einverständnis mit Rußland, darüber, daß keiner in England irgend welche Anstrengungen machte, in der kritischen Zeit den Krieg zu vermeiden, seine Beurteilung ״der maßlos verlogenen Ausschlachtung der Verletzung der belgischen Neu* tralität“ u. a. mag man bei Shaw selbst nachlesen. Es ist eine furchtbare Abrechnung, die Shaw mit Englands heuchlerischen Methoden in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung hält. Noch einmal: Shaw hält diesen Krieg Englands gegen Deutschland für berechtigt als einen Kampf um die Erhaltung seiner nationalen Existenz, die auch für ihn mit Englands Seeherrschaffc und der Erhaltung seines Schiedsrichteramts für Europa zusammenfällt. Mag nun Shaw in vielem kombinieren, mögen manche seiner Angaben unrichtig sein; es bleibt soviel, daß niemand an der Mitschuld der für die auswärtige Politik maßgebenden Kreise Englands an dem Ausbruch des Krieges zweifeln kann. Und der Friedensvertrag von Versailles? Zeigt er nicht in allen jenen Bestimmungen, die Deutschlands Handel und Wirtschaftslehen dauernd vernichten sollen, die Hand Englands, die Erfüllung jenes lange vor dem Kriege in den englischen Zeitschriften verkündeten Dogmas: ״ceterum censeo Germaniam esse delendam“ und daß an dem Tage, wo die deutsche Industrie und der deutsche Handel vernichtet wäre, jeder Engländer doppelt so reich wäre. Das beweist freilich nicht, daß der Todesstreich, der jetzt Deutschland versetzt werden soll, schon vor dem Kriege in diesem Umfang geplant war, macht es aber wahrscheinlich. Und was die Kriegs Verlängerung anbetrifft, hat man denn völlig daran vergessen, daß Deutschland fast zwei volle Jahre vor dem Waffenstillstand ein formelles Friedensangebot gemacht. Konnte man denn nicht von Seiten der Feinde anhören,