Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 227 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. 227 Verbrechen und Fehlern der anderen wie des eigenen lieben Ich sich vor Augen hielte, wie weit der Abstand ist zwischen dem, was wir wirklich von unserer von Gott gestellten Aufgäbe erreicht und dem Ideal, das wir mit dem Munde verkünden. Um dieser kleinen Schar willen soll im folgenden versucht werden, aus den Ereignissen der letzten Jahre Worte der ..Zucht“ abzuleiten, selbst auf die Gefahr hin, daß die Politiker naserümpfend die ״Sentimentalitäten“ belächeln, daß sie erklären, daß alles, was hier vorgebracht wird, weder neu noch gefällig sei. Wir haben nicht im Pate Gottes zugehört, nicht einmal im Kate der politischen Führer, wir haben keine Einsicht in die Akten, in die Vorgeschichte des Krieges, in die Abmachungen zwischen den Verbündeten der beiden im Weltkriege einander gegenüberstehenden Mächtegruppen, in den wahren Charakter ihrer Führer, jn das, was sich bei den Vorbereitungen zur Friedenskonferenz abgespielt hat. Wer aber mit Gewissenhaftigkeit verfolgt hat, was aus beiden Lagern an Argumenten und Tatsachenmaterial beigebracht wurde, wer vor allem regelmäßig den Stimmen aus dem neutralen Ausland gelauscht, der hat doch eine — wenn auch vielfach beschränkte und eingeengte — Möglichkeit des Abwägens und Urteilens über die Verteilung von Schuld und Sühne auf die beiden Gegner, der kann wenigstens in groben Umrissen zeigen, wieviel von alledem, was an Verbrechen geschehen und sich vorbereitet, auf den Charakter des Handelnden zurückzuführen ist, auf den Mangel an Durchbildung in Mussar. Durch die kommenden Ereignisse und Aufschlüsse mag sich dem Auge später manches anders darstellen. Wer den Maßstab des jüdischen Mussar anlegt, kann nie zu weit abirren. Und so ist es uns eine Genugtuung, daß in den Betrachtungen, die wir vor vier Jahren zum Weltkrieg veröffentlichten, trotzdem sie unter dem Eindruck eines ganz anderen Erlebens entstanden — das deutsche Volk hat sich übrigens im Kriege und durch den Krieg nicht wenig in seinem Charakter gewandelt — nichts zu finden ist, was vom Standpunkt der Religion nicht auch heute aufrecht zu halten ist. 16*