Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 226 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. Mussar?! Ach nein für Mussar, für die Durchbildung der Menschenseele, für das reinste und. heiligste Anliegen des Menschen, für das, was von den Propheten an bis auf die neueste Zeit die großen Sittenprediger des Judentums und der Menschheit im brausenden Zorne oder in sanft dahinfließenden Reden hingebender Liebe gekündet, was aus blutenden Herzen bei ihnen hervorbrach, was sie unter Tränen schluchzend gesungen, davon darf man unseren Zeitgenossen nicht reden. Nicht einmal in der heutigen Zeit, da die Erde in ihren Grundfesten erbebt, da die Völker wie ein Tropfen am Eimer sind und Gott sie durcheinander wirbelt, des Verstandes beraubt. Denn Mussar, das ist etwas für kleine Kinder oder für die Synagoge und auch dort nur recht passend dosiert, recht allgemein gehalten, daß ja nicht der einzelne sich getroffen fühlt. Mussar ist sehr schön, wenn man sich nicht in Verlegenheit bringt, wenn man weiß, daß die ganze Zuhörerschaft mit dem Redner ein Herz und eine Seele ist, wenn der Mann, der da oben steht, auf einen Popanz losschlägt und die Zuhörer oder wenigstens die Mehrheit — sie braucht an sich nichts davon zu verstehen — schmunzelnd sich zunickt: Da hat er es ihnen wieder gut gegeben. Aber es gibt immerhin eine kleine Schar, die bis in die Tiefe der Seeje davon durchdrungen ist, daß mancherlei Übel der Welt im Leben des einzelnen wie im Leben der Völker geäudert würden, wenn die Menschheit sich wieder Mussar, der Selbstzucht zuwenden, wenn sie ihr heiligstes Anliegen darin sehen würde, Tag für Tag Rechenschaft über ihr Verhalten abzulegen, wenn sie unter Hintanstellung aller anderen Bestrebungen sich ständig Klarheit darüber verschaffte, welche Kluft zwischen den von ihr verkündeten Idealen und der Wirklichkeit, zwischen Wort und Tat sich auftut, wenn sie sich tagtäglich eingestände, um es derb aber kurz zu sagen, wie durch und durch verlogen und darum bis ins innerste Mark angefault sie ist. Und wenn sie sich das Bekenntnis nicht in allgemeinen Wendungen und in theoretischen Ergüssen äblegte, sondern an den Erlebnissen des Tages und an den