Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Ijar-Sivan 5679 Mai-Juni 1919 Heft 5/6 Mussarbemerkungen zur Zeitgeschichte. In rasender Geschwindigkeit rollt das Rad der Weltgeschichte, und vor der wirbelnden Schnelle verstummt der Betrachter. Wie wollte man sich da erkühnen, ein abschließendes Urteil abzugeben über den Sinn der Ereignisse, die wir schaudernd erlebt. Und doch darf der Jude sich nicht der Verpflichtung entziehen, das furchtbare Geschehen der Zeit zu einem Spiegel seines Denkens und Handelns zu gestalten, muß ihm, was er rings um sich an Grauen erblickt, was er in Stürmen um sich brausen hört, zu Mussar, zu einer Quelle der „Zucht“ werden. Mussar?! Eine jede Zeit und unsere Zeit am meisten fordert Politik. Politik auch innerhalb des Judentums. Und die wird ja nun auch wohl getrieben aller Orten nach dem Muster der bewährten Parteipolitik: * mit Schlagworten das Stimmvieh drillen, das Beste was man weiß, nur nicht den Anderen sagen, denn Politik das heißt ja die wahren Gedanken verbergen und wenn man spricht nur das flachste Zeug reden, daß dem Sachverständigen und Gebildeten das Erbrechen ankommt. Ihr seht ja, die nie eine gediegene Abhandlung lesen, daher mit Gedanken nicht weiter beschwert sind, die erzielen mit ihrem leichten Geschwätz die stärkste Wirkung. Vor allem sich durchsetzen, mit einer in den Formen natürlich bestrickenden und darum täuschenden Gewaltspolitik. Wenn ihr nur immer geschäftig seid und Arbeit und Willenskraft nicht erlahmen laßt, dann werden sie euch schon folgen. 16