Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 219 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ein Knltnrproblem. 219 schwer helfen. Es gibt Leute, die sehr viele Jahre Schiur lernen und doch nicht selbständig Texte bewältigen können. Das alles, weil sie die Sprache nicht beherrschen, und ihnen darum der Schlüssel zur Literatur fehlt. Aber auch die Gelehrten, die ihr Leben dem Studium hebräischer Texte widmen, bringen es nicht bis zur freien Handhabung der Sprache und können ihre Gedanken nur sehr schwer hebräisch ausdrücken. Wenn der eine oder der andere es je versucht, tut er es in einer unbeholfenen Weise; entweder verfällt er ins Musiv, leimt Versflicken aneinander, oder er bietet trockene Notizen, seine Gedanken sorgsam verbergend. Gelehrte, die in deutscher Sprache eine klare und durchsichtige oder blühende und pathetische Diktion haben und Gedanken höchster Kultur auszudrücken wissen, werden ungelenk, sobald sie hebräisch schreiben wollen, und es entsteht eine ungewollte Diskrepanz zwischen Gedanken und Ausdruck. Es liegt wohl daran, daß sie den psychischen Zusammenhang mit dem Hebräischen verloren und seine letzte Entwicklung nicht mitgemacht haben. Deswegen können sie ihre modern gedachten Gedanken nicht ausdrücken, sie müssen sie umdenken, ihr Niveau herabdrücken, vereinfachen und endlich nicht aus eigener Seele heraus sich aussprechen, sondern in die Seele vergangener Generationen sich versetzen und aus ihr ihre Gedanken herausholen. Dabei verlieren sie das richtige Maß und Gleichgewicht, werden im Ausdruck musivisch überladen oder primitiv. Wenn einer es wirklich versucht, moderne Gedanken auszudrücken, schafft er sich, mit der letzten Entwicklung nicht vertraut, den Ausdruck aufs neue in fremdartiger, ungeschickter Weise. In Osteuropa liegen die Dinge anders; die Rabbiner sind entweder primitiv und unmodern in ihrem Denken und drücken sich völlig adäqat im rabbinischen Hebräisch aus, oder sie sind 'schon von modernem Geiste angehaucht, dann sind sie auch insoweit der jüngsten Entwicklung des Hebräischen gefolgt, daß sie ihre Gedanken völlig entsprechend auszudrücken vermögen. 15*