Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 218 (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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218 Ein Kulturproblem. Volk eingeführt, und noch stärker hat vielleicht die Jargonliteratur dahin gewirkt. Wir wollen noch kurz das hebräische Problem in der deutschen gesetzestreuen Judenheit berühren. In Osteuropa war es eine Literaturfrage, hier ist es eine Sprachenfrage. Nicht bloß eine Frage des Lernens und Könnens; denn in der deutschen Orthodoxie geschieht sehr viel für die jüdische Erziehung der Kinder. Nicht nur jüdisches Fühlen, auch unerwartet viel jüdisches Wissen trifft man hier bei den meisten. Aber! — dieses Aber gilt es zu verstehen. Das Hebräische ist dem deutschen Juden, auch dem orthodoxen, eine fremde, vielleicht schon eine tote Sprache. Sie haben sich hierin den von den Liberalen geschaffenen Tatsachen gefügt. Sie bemühen sich, ihren Kindern einen jüdischen Inhalt zu geben,, aber das Gefäß zu diesem Inhalt öffnen sie ihnen nicht. Die schweren Fragen der Kultur und Literatur haben sie für sich gelöst, indem sie weltliche Kultur und Literatur in breitestem Maße in deutscher Sprache pflegen, und auch ihre ״schöne Literatur“ ist ihnen die deutsche. Im Hebräischen haben sie weder eine religiöse noch weltliche lebendige sich fortsetzende Literatur. Auch ihre religiösen Auseinandersetzungen haben sie in deutsches Gewand gekleidet. Das wäre in Osteuropa undenkbar. Das Hebräische ist hier aus dem Leben ganz verdrängt. Die deutsche Sprache ist sogar in die orthodoxen Synagogen eingedrungen, Aufschriften und Hinweise, Rabbinatsentscheide, Bekanntmachungen sind deutsch. Höchst befremdend wirkt es auf einen östlichen Juden, in einer frommen hessischen Gemeinde an der Außenwand ihrer Synagoge Bibelverse in deutscher Sprache zu finden. Auch die, die hebräisehe Texte lesen, übersetzeninnerlich dasGelesene. Nicht einmal die gebildeten Laien sind des Hebräischen so weit mächtig, um jeden hebräischen Text ohne weiteres wie einen deutschen Text zu lesen. Eigentlich lesen sie nur gewisse gewohnte Texte, bei denen sie aber auf die eingeübte Übersetzung angewiesen sind. Von der Übersetzung verlassen, wenn ihnen ein Wort entfällt, können sie sich nur