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Jeschurun · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 217

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 217 (sequence 99)
Language
German
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Ein Kulturproblem. 2X7 Wissens und alten Denkens, neuen Fuhlens und alter Gefühle. Die literarischen Kräfte sollen sich ausleben können im orthodoxen Lager und nicht verurteilt sein, sich tot zu schweigen, wenn sie nicht aus ihm herausgehen wollen. Soll diese Literatur ihren Zweck erfüllen, so darf sie nicht verbotene Frucht sein. Diese Literatur muß modern sein und auf einer gewissen Höhe stehen. Im Stil darf sie nicht mehr das Musiv pflegen, was nicht einer reichen Bezügliehkeit und einem Reminiszenzenleben wehrt. Die herrschende Form für die wissenschaftliche Abhandlung ist in der neuhebräischen Literatur das moderne Essay. Trockene Materialsammlung und neue Homilie sind dem Leser fremd. Die jüdische Wissenschaft und die allgemeinen Geisteswissen־ schäften haben das Interesse des Lesers. Die Orthodoxie wird gewiß Weltanschauungsfragen in den Vordergrund treten lassen, und dies tut ganz besonders not. Die Orthodoxie wird ihre Stärke in ihrer Nähe zu den Quellen suchen können und ihren Stil vom Geiste dieser Quellen erfüllen lassen. Hoffen wir, daß altneue Kräfte ausgelöst werden, und eine neue religiöse Lyrik uns erblühen wird, individuell beseelt im Geiste der Psalmen, in neugetöntem Hebräisch. Die Fragen, die ich früher aufgeworfen habe: soll sie eine weltliche Lite־ ratur werden? sie lassen wir von der Zeit beantworten. Wir müssen eine solche Literatur haben, wenn es auch dem Gefühle nicht gleich Talmud Tora gelten wird, und diesem Gefühle nach ein Rabbiner sich nicht mit schöner Literatur wird befassen können. Auch in der Frage der schönen Literatur scheint mir heute die Zurückweisung der epischen Formen nicht mehr möglich zu sein. Vorjahrzehnten hätte vielleicht die Lösung der Frage anders ausfallen können, wenn sich die Orthodoxie damals mit ihr befaßt hätte. Die Lyrik und das Märchen waren alte jüdische Formen, vielleicht auch die Dichtung in gebundener Hede und der Dialog überhaupt. Die Prosaerzählung und das Drama hätte man vielleicht nicht pflegen können. Heute scheint es schon zu spät zu sein. Die hebräische Literatur hat die Novelle und den Roman nun einmal ins 15

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