Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 213 (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Knlttirproblem. 213 Art zu nehmen wissen, auf die moderne Denkweise eingestellt sind. Alle Erzeugnisse der modernen Literatur sind in ihren gedanklichen und sonstigen Voraussetzungen modern. Hier trat ein sehr schwerer Gegensatz zu Tage: Die östliche Orthodoxie hat sich bis zuletzt eine naive, unberührte, ungetrübte Denkweise bewahrt: Sie hat die moderne hebräische Literatur ignoriert, wie sie ganz Europa ignorierte. Religiöse Dichter und Dichtungen und Schriftsteller aus dieser Literatur hätte sie ebenso zurückgewiesen wie die anderen. Weder hat sie sich je mit ihr auseinandergesetzt noch von ihr Notiz genommen. Die meisten der Alten waren nicht in der Lage, die moderne Denkweise voll zu erfassen, sie stellten sich dazu entweder naiv oder praktisch. In Osteuropa ist also das Problem nicht das Problem der hebräischen Sprache, sondern das der hebräischen Literatur. Die Orthodoxie hat keine moderne hebräische Literatur, die mit ihrem Geiste erfüllt wäre, sie wollte sie nicht haben und hat sie nicht. Sie hat sich auf ein Leseverbot beschränkt, wollte abschließen. Ist ihr das geglückt? Nein! Das Verbot umgab das unschuldigste Buch mit dem interessanten Schimmer des Verbotenen. ״Die verbotenen Wasser״ zogen nur um so mehr an, und es war eine revolutionäre Tat, wenn man diesem Zuge folgte, man fühlte sich als abgefallen und gab sich vielleicht auf. Das hat aber das Verbot bewirkt. Dieser Lektüre hat die Orthodoxie nichts entgegenzusetzen, Keine Auseinandersetzung, keine erfolgreiche Bekämpfung. Auch positiv tat sie nichts, die alten Ideen vorzutragen, zusammenzufassen, modern auszudrücken. Jede Zeit will einen zeitgemäßen Ausdruck der Ideen, seien sie alt oder neu, so gesprochen, wie Menschen aus dieser Zeit sprechen, denen man sich ohne Voraussetzungen, ohne historisches Sichhinein versetzen nahen kann. Was hat die Orthodoxie in diesem Sinne für ihre Ideen und Ideale getan? Wie hat sie ihre Pflicht erfüllt? ln welchen Werken und Formen hat sie sie zum Ausdruck gebracht? Wo soll sich ein Jüngling. Lösungen holen, wenn ihm Zweifel auftauchen?