Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 212 (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Ein Knlturproblem. mancher moderner Ästheten, daß alle historische Entwicklung der Dichtung in ihrer Form liegt. Es besteht *gewiß ein tiefer Parallelismus zwischen Form und Inhalt in der Dichtung. Sollten nicht vielleicht die besonderen jüdischen Inhalte auch besondere Formen verlangen und die Volksseele solche geboten haben. Ich will die sehr ernste Beziehung an der dramatischen Form klar machen: Das Theater ist ausdrücklich religionsgesetzlich verboten; liegt hier ein bloß äußerliches Verbot vor, oder geht es tiefer und will die ganze Form des Dramas, die Menschenbildung und Menschendarstellung treffen? und wie will sich ein deutscher gesetzestreuer Jude zu diesem Verbot stellen? Ich will nicht antworten, aber fragen: Sollte nicht die Thora, die die Skulptur verboten hat, vielleicht auch alle Menschenbildung, alle epische Dichtung mitbetroffen haben? Epische Formen hatten wir nur in den Märchen und Legenden, die sich einigermaßen, wenn auch nur volkstümlich, bei uns entwickelt haben. Dieser Literaturzweig ist der Arabeske wesensverwandt, der Musik. Liegen hier nicht tiefere Zusammenhänge, oder gar gemeinsemitische psychische Dispositionen vor? Diese formale Seite war sehr wichtig. Manch moderner Gedanke hätte in der alten Form der Homilie gewiß nicht jenen Widerspruch erregt, der ihn in der neuen Form traf. Die schwersten bewußten Gegensätze entstanden auf dem Gebiete der Weltanschauung. Die Haskala befand sich in Kampfstellung, ihr Kampf betraf aber nur Äußerlichkeiten. Ihre hervorragendsten Vertreter waren sogar tiefreligiöse Juden, und wir sind oft verwundert, wenn wir sehen, wogegen hier gekämpft wurde. Die neue hebräische Literatur kämpft nicht, und sie hat manche Erzeugnisse von echt jüdischem Geiste aufzuweisen, es sind auch einige gesetzestreue Schriftsteller in ihren Reihen. Aber viele von den hebräischen Schriftstellern und Dichtern sind nicht religiös orientiert, haben die Religion überwunden, bekämpfen sie nicht, versenken sich sogar mit Liebe in sie, aber rein äußerlich als in ein Objekt ihrer poetischen Betrachtung. Eine kleine Gruppe von Gegnern lällt weniger ins Gewicht. Bedeutsam ist, daß sie alle die Welt auf moderne