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Jeschurun · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 211

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 211 (sequence 93)
Language
German
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Ein Kulturproblem. 211 Buch konnte von einem Rabbiner geschrieben sein und im Lehrhaus gelesen werden, habe es auch Philosophie, Medizin oder Mathematik zum Inhalt. Das revolutionierend Neue an der neuen hebräischen Literatur war, daß sie überhaupt da war, eine weltliche profane Literatur neben der alten, weltlich, wenn selbst nur orthodoxe Juden sie geschrieben hätten und das י war ja nicht der Fall. Eine zweite sehr schwer einzuordnende Tatsache waren die neuen Formen dieser neuen hebräischen Literatur. Das jüdische Mittelalter hatte keine schöne Literatur. Von belletristischen Formen hatte es nur das lyrische Gedicht und teilweise noch das allegorische Drama. Die literarische Form der Erzählung, der Novelle, des Romans war ihm völlig fremd. Wohl waren Sagen und Märchen vorhanden, aber entweder Verfasser oder Leser oder alle beide nahmen sie als Geschichte, als Wahrheit, und hatten keine ästhetische Stellung zu ihnen. Die erzählende Literatur war neu im Hebräischen und wurd& auch nur sehr zaghaft eingeführt. Altere Menschen aus dem Osten können es noch heute nicht verstehen wie Erwachsene, bärtig und beweibt, Geschichten erzählen können, von denen sie wissen, daß sie nicht wahr sind. Die ersten Erzähler in der Haskalazeit waren sich nicht bewußt, was für eine revolutionäre Tat das war, das Volk stieß sich aber daran. Dazu kommt noch eine sehr wichtige inhaltliche Beziehung: die Liebe, die einen breiten Raum in der modernen Literatur einnimmt, erschien den frommen Juden auch in ihrer idealsten, aber vorehelichen Erscheinungsform nicht als zulässiger literarischer Inhalt. Die Frage der literarischen Form wird gewiß deutschen Juden sehr verwunderlich Vorkommen, denn sie haben ja — auch die gesetzestreuen — die Frage für sich gelöst. Man bedenke aber, daß alle literarische Form national und zeitlich bedingt ist, verschiedene Völker haben sehr verschiedene Formen aufzuweisen. Sollten nicht etwa tiefere gemeinpsychische Momente vorliegen, die bei einem Volke eine Form entstehen und erblühen lassen und bei einem anderen nicht. Es ist gewiß etwas Wahres an der Behauptung.

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