Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 210 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Ein Knlturproblem. Wie stellte sich nun die Orthodoxie zu dieser Entwicxlung? Die Haskala hatte man abgewiesen; damals wurde der hermetische Abschluß nach außen proklamiert, Fenster und Türen wurden abgeschlossen, kein Lüftchen aus der europäischen Geisteswelt sollte eindringen. Nicht einmal auseinandersetzen sollte man sich mit den eindringenden Gedanken, Die naiven, primitiven Haskalamenschen wurden überaus ernst genommen und man kämpfte gegen sie mit einer Verbitterung, die eines bedeutenderen Gegners wert gewesen wäre, verkleinerte sich im Kampfe gegen kleine Gegner. Mit dem puristischen Stil wurde auch der Inhalt der Aufklärungsliteratur völlig abgelehnt. Aus der Abschließung, die damals zustande kam, konnte man nicht mehr leicht heraus. Die neue hebräische Stilwandlung und Literaturumwälzung gab eigentlich der Orthodoxie recht, sie kehrte zu dem alten, von den Aufklärern verlassenen Sprachgute zurück. Aber gerade damals war der Verfall in der rabbinischen Literatur eingetreten, die Blüte der chassidischen Literatur kam schnell zu Ende, und manche Kabbinen gaben der Haskala nach,, gerade als sie abtrat, und wandten sich der Meliza, dem biblischen Musiv zu. — Diese Erscheinung war aber zu wenig' umfangreich, um Bedeutung zu erlangen, die bedeutenderen orthodoxen Kräfte machten jetzt die Entwicklung des Hebräischen, wenn auch etwas zögernd, mit. Das Verhältnis zur Literatur hatte sich aber nicht geändert, es blieb ab« weisend und passiv. Ich will die Sache nicht leicht nehmen und will versuchen,, das Problem in seiner Tiefe zu erfassen. Das ganze Problem tritt in dieser Fassung in Osteuropa zu Tage, in Deutschland ist inzwischen das Hebräische beinahe eingegangen. Die Frage der profanen Literatur war hier zu ־־lösen. Das jüdische Mittelalter kannte keine profane Literatur. Alle Literatur befaßte sich entweder mit religiösen oder mit wissenschaftlichen Inhalten, welch letztere man ebenfalls als religiös oder als lebensnützlich betrachten konnte. Bedienen wir uns eines äußeren Erkennungszeichens: ein jedes hebräische