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Jeschurun · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 209 (sequence 91)
Language
German
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Ein KüLturproblem. 209 herauszudrängen. weil sie zum puristischen, biblisierenden Hebräisch fahre. Wer in diesen Kreisen Grammatik betrieb, wer sich der Stilreinheit befleißigte, machte sich verdächtig. Das Stilproblem wurde zum Kulturproblem. Die Haskala schuf inzwischen eine kleine, naive, nicht gedankenreiche und nicht bedeutende Literatur, die doch der Eigenart und des Reizes nicht entbehrt. Der kleine biblische Wortschatz zwang, mit dem Sprachmaterial hart zu ringen, und man holte aus ihm heraus, was er geben konnte, man erneuerte die Bedeutung der Wörter, suchte nach biblischem Ausdruck für moderne Begriffe, und manches gelang, und die Sprache ward geschmeidiger und weicher. Eine Stilrevolution, eine Sprachreform kam über die hebräische Sprache mit der nationalen Epoche. Man entsagte dem Purismus, entledigte sich der Meliza, gab den nachbiblischen Wortschatz frei, ließ die Wörter aus allen Perioden hebräisch sein und drang darauf, die Gedanken, natürlich, so wie man sie dachte, auszusprechen. Das Hebräische wurde nun dem gemeineuropäischen Denken angepaßt, hebräische Wörter erhielten eine erweiterte Bedeutung, daß sie sich mit europäischen Begriffen deckten, konkrete Wörter erhielten abstrakte Bedeutungen, und es vollzog sich ein sehr fruchtbarer Bedeutungswandel. Für diejenigen, die den modernen hebräischen Stil beherrschen, ist es leicht, Gedanken von höchster Kulturhaffcigkeit hebräisch auszudrücken. Es sei nur auf den Stil Achad Haams oder Bialiks hingewiesen, die jede Nuance modernen Denkens und Fühlens in geschliffenster Sprache ausdrücken. In Palästina machte das Hebräische den letzten Schritt zu seiner Verlebendigung, es ward zur Umgangssprache. Die hebräische Sprache ist dort in vielen Häusern Familiensprache, Muttersprache der Kinder, sie ist Schul- und Vortragssprache, vor allem Kindersprache, aber auch Gesellschaffcssprache, in großem Maße auch Geschäftssprache, offizielle Sprache aller jüdischen Ämter und Behörden, man kann mit ihr durchs ganze Land kommen, und sie lebt voll in der Psyche großer Gruppen.

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