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Jeschurun · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 207 (sequence 89)
Language
German
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Ein Knlturproblem. 207 sehen. Die hebräische Sprache stellt im Mittelalter den Typus eines ganz eigenartigen Sprachlebens dar. Sie hat das wichtigste Kennzeichen einer lebendigen Sprache, sie wurzelt in der Psyche, in der inneren Sprache großer Volksgruppen. Wenn sie hebräisch lasen, mußten sie nicht erst innerlich übersetzen; unmittelbar verbanden sich ihnen Gefühl und Gedanken mit dem hebräischen Wort, das ihnen zum Mittelpunkt reichen Assoziationslebens wurde. Die großen Folianten, die im Mittelalter entstanden, sind nicht aus einer inneren Übersetzung heraus erwachsen; ihre Verfasser haben nicht erst in einer anderen Sprache vorgedacht. Für ihre meisten wissenschaftlichen und literarischen Begriffe hatten sie keine andere als eine hebräische Benennung. Insoweit sprachen sie auch immei• nur hebräisch: sie nahmen die wesentlichsten Wörter hinüber und hebraisierten sämtliche Sprachen, deren sie sich bedienten. Sie beherrschten auch ihr Hebräisch souverän, es lebte unter ihrer Hand, sie schufen immer neue Sprachwerte, an den Wörtern ging ein sehr lebhafter Bedeutungswandel vor, und die Wörter paßten sich immer ihrer Gedankensituation an. Das Hebräische lebte so das ganze jüdische Mittelalter hindurch als lebendige Schriftsprache, als Kultursprache, ja als Volkssprache, wenn auch nicht als Umgangssprache. Ähnlich war das Lateinische bis zur Renaissance eine lebendige Schriftsprache, in der sich alle Wissenschaft und Religion in Europa ausdrückte, bis der Humanismus dessen Entwicklung unterbrach, es seiner An־^ passungsfähigkeit beraubte. Freilich war das Lateinische nie in so breite Volksschichten gedrungen, war auch nicht in so hohem Grade lebendig wie das Hebräische. So lebte das Hebräische sein eigenartiges schriftliches Leben bis zur Zeit der Aufklärung (1750), der deutschen Haskala. Diese proklamierte einen biblischen Purismus. Nur der Wortschatz der Bibel sollte von nun an hebräjsch sein. Der große nachbiblische Wortreichtum wurde aus dem Gebrauch verbannt. Damit war das Hebräische seiner Anpassungsfähigkeit, seiner Lebendigkeit beraubt. Ganz folgerichtig kam auch bald die

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