Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 184 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Die Josephserzählung. die Frau des Vaters zu bereden. Und sicherlich kam es genug vor oder doch wenigstens mehr als ein Mal vor, daß der Jüngling aus der Versuchung rein hervorging. Ist das richtig, dann mußten solche aus der Wirklichkeit heraus geborenen Dinge auch in der Literatur ihren natürlichen Ausdruck finden. Nicht, was diese verschiedenen Erzählungen verbindet, ist darum recht eigentlich das Entscheidende. Selbst dies nicht, daß die freche Verführerin den Spieß umzudrehen versucht. Denn auch dies ist allemal nur allzusehr begreiflich1). Vertieft man sich unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte in jede einzelne dieser Erzählungen, dann wird man vielmehr finden, daß, wenn auch nicht alle, so doch viele von ihnen jeweils eine Welt für sich wiederspiegeln und nur aus ihrem ganzen Milieu und Zusammenhang heraus in ihrer unterscheidenden Eigenart zu verstehen sind. Unkritisch aber ist es ohnehin, sich auf Firdusi etwa in dem Sinne zu berufen, wie dies Gunkel a. a. 0. tut. So treu dieser gewaltige Dichter auch in seinem Schahname die altpersische Welt neu erstehen läßt, so kann doch auch diese erhabene Heldensage den Einfluß des Koran nicht ganz verleugnen, wie dies Graf von Schack in der aufschlußreichen Einleitung seiner Ausgabe ausdrücklich hervorhebt. Bei dem berühmten Dichter, der uns in seinen späteren Tagen auch ״Joseph und Suleika“ geschenkt hat, ist dies von vornherein kaum anders zu erwarten, wie es noch weniger wundernehmen kann, daß wieder diese unmittelbar an den Koran anknüpfende Dichtung doch auch mancherlei Anklänge an altpersische Vorstellungen hat (vgl. die Einleitung zu der Übertragung von Schlechta-Wssehrd). Dazu wissen wir ja bereits, daß die angeblichen mit der Bibel gemeinsamen Züge, die Gunkel in den persischen Heldengesängen feststellen will, dort überhaupt nicht anzutreffen sind. Und auch *) Wie unkritiscli bisweilen die Kritiker sind, mag n, a. die Bemerkung Eduard Meyers a. a. O. S. 151 zeigen: ״Besonders der Zug, daß beidemal (in der Josephsgeschichte und im ägyptischen Märchen) die Frau die Schuld auf den Mann schiebt, den sie verführen wollte, ist beweisend für den literarischen Zusammenhang“.