Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292991--03467-2296744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Josephserzählung. 177 bringt Gunkel den gleichen Gedanken zu einem noch deutlicheren und nicht mehr mißzuverstehenden Ausdruck: ״Der Bibel stehen in diesem Punkte, soweit bisher bekannt ist, am nächsten indische und persische Varianten, die ebenso wie die Josephs- Erzählung auch den Nebenzug enthalten, daß die verlogene Frau als Beweis der versuchten Verführung ihr Kleid vorweist, das sie selbst arglistig zerrissen hat. Die Geschichte ist also ein schönes Beispiel eines Wandermärchens in der Bibel“. In dieser Bemerkung Gunkels ist alles, buchstäblich alles, unrichtig. Einmal ist in der Bibel davon überhaupt nichts zu lesen, daß die Frau Potiphars ihr Kleid vorweist1). Vielmehr läßt Joseph sein Kleid in ihren Händen zurück. Und die verdienstlichen Forschungen von H. J. Heyes, Bibel und Ägypten, (s. bes. S. 144f.) haben uns begreifen gelehrt, daß es bei einem solchen Auftritte, wie er zwischen Joseph und dem Weibe Potiphars statthatte, fast notwendig dazu kommen mußte, daß der Mantel Josephs in der Hand der Frau blieb. In der Bibel ist ferner aber auch mit keinem Worte angedeutet, daß dieser Mantel zerrissen ist. Diese Variante hat vielmehr' erst der Koran wie das Sefer hajasehar, die aber beide den Mantel Josephs, nicht etwa das Gewand der Frau Potiphars zerrissen sein lassen. Wie ist es möglich, daß ein Mann, der einen viel verbreiteten Kommentar zu der Genesis in vier Auflagen in die Welt hat gehen lassen, dazu eine weitere Bearbeitung der Genesis veranstaltet hat (Die Schriften des Alten Testaments in Auswahl neu übersetzt und erklärt von Greßmann, Gunkel u. a. Göttingen Vandenhoeck und Ruppreeht, I 1 1911) und auf dem Gebiete des Alten Testaments seit Jahrzehnten fortdauernd schriftstellerisch tätig ist, sich einer solchen Flüchtigkeit schuldig machen konnte? Nur der blinde Übereifer für eine ג) PM10 De Josepho IY p. 73 meint: ״Hätte Joseph Gewalt gebraucht, dann würde er das Gewand der Frau erfaßt haben; da er aber gezwungen werden sollte, verlor er das seinige“. Wenn Potiphar ihn dennoch füi schuldig gehalten habe, so sei dies nur seiner Unbildung :zuzuschreiben; s. oben S. 102 Anm. 2.