Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 160 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Die Juden in Rußland und Polen. Das Aufkommen des Nationalismus und des Zionismus. Der Herold dieser neuen Bewegung ist Perez Smolenskin (1842—1885). Smolenskin war der erste unter den neuhebräischen Schriftstellern, der das Verfehlte der Haskala einsah. Da er durch eigene Beobachtung (er lebte viele Jahre in Wien) den wirklichen Charakter des modernisierten Judentums kennen gelernt hatte, so gewahrte er deutlich die Verhängnisvollen Folgen, zu denen die Mendelssohnsche Aufklärung geführt hatte, und zu denen seiner Meinung nach die Levinsohnsehe Haskala notwendigerweise fuhren mußte. Unter der glänzenden Oberfläche des westeuropäischen Judentums, das der Gegenstand der Bewunderung und der Nachahmung aller russischen Maskilim war, fand er Fäulnis und Verfall, Gleichgültigkeit und Abtrünnigkeit, Mangel an Kraft und an Mut, eine fortschreitende Lähmung der Gedanken und Gefühle, eine liebedienerische Bereitwilligkeit, die nationalen Ideale des Judentums aufzugeben, um sich bei den Nichtjuden anzuschmeicheln. Gegenüber dem dunklen Hintergründe der westeuropäischen Assimilation nahm in seinen Augen das russische Ghetto- Judentum, reich an Mängeln und ünschönheiten, aber auch reich an Leben und Hoffnung, stark und kraftvoll, stets das nationale Ideal hochhaltend, eine neue, ungeahnte Schönheit an. Und er begriff, daß es jetzt nicht an der Zeit sei zu zerstören, die alten Schutzmauern des Judentums niederzulegen, sondern daß vielmehr, um mich des Titels eines seiner Bücher zu bedienen, ״die Zeit zu pflanzen“ gekommen sei. Smolenskin war einer der ersten seines Zeitalters, der den (modernen) zionistischen Gedanken im voraus erfaßte, und in seiner hebräischen Monatsschrift, die er bezeichnenderweise ״Hasehachar“ (״die Morgenröte“) nannte, verkündete er den ruhmreichen Tag, der bald einer verjüngten Judenheit anbrechen werde. Das Aufkommen des Nationalismus und späterhin des Zionismus bezeichnet einen grundlegenden Wendepunkt in der inneren Entwicklung der russischen Judenheit. Sie haben den verzweifelnden Opfern der Zarenherrschaft neue Hoffnung eingeflößt. Gleich Verbrechern in jenen Riesenkerker ein-