Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 159 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Bußland und Polen. 159 in kurzer Zeit, die Oberschicht der russischen Judenheit zu modernisieren. Aber diese Modernisierung führte, anstatt sich in den Grenzen der jüdischen Überlieferung zu halten, wie die Vorkämpfer der Haskala feierlich versprochen hatten, im Gegenteil zu einer schnellen und vollkommenen Entjudung. Die hebräische Sprache, die die unzertrennliche Begleiterin der Haskala gebildet hatte, war, wie sich bald herausstellte, nur die Leiter zur modernen Kultur gewesen, und sie wurde bei Seite gestellt, sowie das Ziel erreicht war. In Polen führte die Haskala unter der verhältnismäßig kleinen Zahl ihrer Anhänger zu einer sehr radikalen und höchst abstoßenden Form der Assimilation, die, jedes Gefühls von Würde bar, auch nicht vor dem Tautbecken zurückschreckte. In ]Rußland wurde sie, unterstützt durch das rapide Anwachsen der russi sehen Kultur, der Vorläufer einer radikalen Kussifizierung, mit dem Ergebnis, daß die Kinder der Maskilim bei den judenfeindlichen Pogromen, die die!Regierung Alexanders HI einleiteten, erstaunt fragten: ״Kaswje mai tosze jewrejei? (״Sind wir denn *auch Juden?“) Und der große Dichter der Haskala, Juda Leib Gordon (1831—1892), da er auf ein Leben, dem Dienste der Aufklärung und der Pflege der hebräischen Dichtkunst geweiht, zurückblickte, fragte in der Verzweiflung seiner Seele: ״Wer dringt mit seinem Blicke durch der Zukunft Nebelwand? ״Wer schaut, was an der Zeiten Webstuhl webt des Webers Hand? ״Bin wirklich ich der letzte Barde, der von Zion singt, ״Und du der letzte, dem der heiligen Sprache Lied erklingt“? Doch das Blut der Opfer der Pogrome wurde das Samenkörn einer neuen Hoffnung. Die Haskala, zu Boden gesunken, am Ende aller Hilfsmittel, wandte sich um Unterstützung an den jungen und kraftvollen jüdischen Nationalismus.