Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 158 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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i58 Die Juden in!Rußland und Polen. war: der Unterschied zwischen dem Weltweisen vonBerlin und dem Klausner einer obskuren wolhynischen Stadt; der Unterschied auch zwischen demPreußenFriedrich des&roßen und dem Kußland Nikolaus I. In Deutschland war die Aufklärung schließlich ein natürliches Erzeugnis des Bodens. In Rußland war die moderne Kultur, die die Haskala den Juden aufzudrängen wünschte, nicht die der Umgebung, denn im Reiche des eisernen Zaren gab es keine Kultur, die anzunehmen sich verlohnte. Es war die deutsche Kultur, von auswärts eingeführt; und durch zwei Generationen nehmen wir das seltsame Schauspiel wahr, wie russische Maskilim — so wurden die Anhänger der Haskala genannt — deutsche Aufklärung nachahmten in dem Gewände, in das sie ihre Glaubensgenossen in jenem Lande gekleidet hatten. Es war die Nachahmung einer Nachahmung, die sich oft auf bloße aus dem Ausland importierte Äußerlichkeiten beschränkte. Mit einer für die ersten Maskilim bezeichnenden Naivität, die teils aus ihrer weltlichen Unerfahrenheit zu erklären ist, teils das Ergebnis ihrer blinden Bewunderung für alles Deutsche war, merkten sie nicht die verheerende Wirkung, die die Aufklärung auf das jüdische Leben in Deutschland ausgeübt hatte, sondern glaubten, die Haskala werde bei der harmlosen Aneignung der Elemente der modernen Bildung stehen bleiben. Und mit einer Kurzsichtigkeit, die uns in Erstaunen setzen muß, erblickten sie in der russischen Regierung, dem grausamen Zwingherrn mit der Knute in der Hand, ihren natürliehen Verbündeten bei der Aufgabe, den Juden Rußlands die Aufklärung zu bringen — mit welchem Erfolge, haben wir bereits bei Gelegenheit der Schilderung der Regierung Nikolaus I bemerkt. Aber die orthodoxe Masse zeigte, von einem sicheren, natürlichen Instinkt geleitet, ein weit klareres Verständnis sowohl für die tatsächlichen Folgen der Haskala wie für die wahren Absichten der russischen Regierung. Sie mißtrauten beiden, und die nachfolgenden Ereignisse gaben ihnen Recht. Die Aussichten auf Emanzipation, die den Juden während der Regierung Alexanders II blühten, wirkten als ein mächtiger Anreiz auf die Ausbreitung der Haskala, und es gelang ihr