Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Juden in Rußland und Polen. 157 ein tragische Illustration bildet jenes Ausspruchs des weisen Königs, den die Gegner der Haskala oft gegen sie anfuhrten (Sprüche Sal. II, 19): ״Alle, die zu ihr übergehen, kehren, nicht zurück, sie erreichen nicht wieder die Pfade des Lebens.״ Gebürtig aus einem litauischen Dorf in den letzten Tagen der polnischen Herrschaft — sagen wir lieber der ״polnischen Wirtschaft“— ein wahres Magazin jüdischer Gelehrsamkeit, im Alter von zwölf Jahren unter das Joch der Ehe gepreßt, floh dieser fieberhafte Wahrheitssucher schließlich nach Deutschland, wo er in kurzer Zeit ein großer deutscher Philosoph wurde. Mit einer Geistesschärfe, die den Nebel der verwickeltsten philosophischen Probleme durchdrang — Kant erkannte öffentlich an, daß Maimon der einzige gewesen sei, der sein Gedankensystem völlig erfaßt habe, — verband er eine äußerst unphilosophische ]Ruhelosigkeit und eine höchst anstößige Taktlosigkeit. Unausgeglichen, zügellos, von menschliehen Schwächen hin und her gepeitscht, konnte er erst bei seinem letzten Atemzuge sagen: ״Ich bin ruhig.“ Er lebte und starb fern von seinen Brüdern, eines der vielen Opfer der Haskala, die nimmer zurückkehrten, und die es nie ver- .standen, die Pfade des Lebens zu erreichen. Die Haskala-Bewegung in Kußland. Die eigentliche Haskala beginnt in Kußland mit Isaak Bär Levinsohn (1788—1860), — dem russischen Mendelssohn, wie er genannt wurde. Levinsohn, von den gleichen Beweggründen wie Mendelssohn geleitet, benutzte die hebräische Sprache als ein Werkzeug, um den Juden des polnischen, nunmehr russischen Ghetto moderne Kultur zu vermitteln. Er wurde der Vater jener ausgedehnten hebräischen Haskala-Literatur, die sich zwei Menschenalter hindurch bemühte, die russische Judenheit aus der Enge des Ghetto in die Weite des europäischen Lebens zu locken. Aber es war ein grundlegender Unterschied, wenigstens in ihrem weiteren Verlauf, zwischen der Bewegung, die auf Mendelssohn zurückging, und der, deren Vater Levinsohn