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Jeschurun · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 155 (sequence 37)
Language
German
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I Die Juden in Rußland und Polen. 155 in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, in der deutschen Judenheit ebenso stark wie in Polen. Der Ahnherr des berühmten deutschen Bankhauses Bleichröder wurde auf Veranlassung der jüdischen Obrigkeit aus Berlin ausgewiesen, weil er mit einem deutschen Buch in der Tasche betroffen wurde. Ein anderer damals lebender deutscher Jude, namens Abraham Posner, der die Kühnheit besessen hatte, seinen Bart abzunehmen, wurde durch königlichen Befehl, den die jüdische Gemeinde Berlin von Friedrich dem Groben erwirkte, gezwungen, dies überlieferte Wahrzeichen jüdischer Männlichkeit unberührt zu lassen. Aber mit dem Auftreten Mendelssohns (1729—1786) griff ein schneller Umschwung in den unter der Herrschaft der deutschen Kultur stehenden Ländern Platz. Zwei Strömungen, die nach ganz verschiedenen Bichtungen hin führten, waren bei diesem Anpassungsprozeß zutage getreten, und beide waren die Vorläufer der russisch-jüdischen Haskala. Um bei unserm ״anheimelnden״ Gleichnis zu bleiben: die Juden des Ghetto verließeu entweder ihre Wohnung, indem sie alle ihre Wertsachen .und ihr ganzes Mobiliar mitnahmen und auf die Suche nach einem neuen, dem modernen Geschmack und modernen Ansprüchen mehr zusagenden, Heim gingen, oder aber sie ließen ihr Haus mit allem, was darin war, im Stich, lösten ihren Haushalt vollständig auf und gaben sich bei ihren Nachbarn in Kost. Die letztere Alternative wählten die Juden Deutschlands, und sie führte in überraschend kurzer Zeit zu einer radikalen Umwandlung, die in vielen Fällen in völliger Aufsaugung endete. Mendelssohn, selbst ein strenger Anhänger des geschiehtliehen Judentums, bemühte sich, diese Verjüngung des Judentums von innen heraus herbeizuführen. Auf der einen Seite :sollte seine Übersetzung der Bibel die Juden von den stehenden Gewässern ihrer Ghetto-Kultur zu der lebendigen Quelle der heiligen Schrift hinleiten. Auf der anderen Seite sollte die in ihrer klassischen Beinheit wieder auflebende hebräische Sprache den Geist und Inhalt der europäischen Kultur der 11* 4

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