Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 152 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Die Juden in Rußland und Polen. Die Wirkungen des Chassidismus Wenn wir aus der Entfernung eines Jahrhunderts, das durch einen grundlegenden Umsturz im Lehen der Juden gekennzeichnet ist, einen Rückblick werfen, so müssen wir anerkennen, daß der Chassidismus das Judentum in Polen gerettet hat. Ohne ihn hätte sich das Sehnen des Volkes, das durch die damaligen Bestrebungen des offiziellen Judentums unbefriedigt blieb, einen Ausweg in eine losgelöste Sekte oder in eine fremde Religion, weitab von der breiten Heerstraße der geschichtlichen jüdischen Entwickelung gesucht. Der Chassidismus brachte einen Strahl der Poesie in das graue Alltagsleben der polnischen Juden. Er goß התלהבות Feuer und Begeisterung in die Seelen, die durch die Schläge der äußeren Verfolgung betäubt und durch die abstrakte Logik des talmudischen ״Lernens“ erkältet waren. Er setzte die schlichte, warmherzige Frömmigkeit wieder in ihr altes Recht ein, sie, die durch den strengen Begriff der Pflicht, wie er für den polnischen Rabbinismus so bezeichnend ist, vielfach zurückgedrängt war. Er machte das Leben mit all seinem unfaßbaren Elend und Druck nicht nur erträglich sondern auch freudenreich. Er erweckte wieder die alte שמחה של מצרה, die Freude an der Erfüllung des Gesetzes, den Geist des Optimismus und das Zusammengehörigkeitsgefühl, die durch den pessimistischen ״Judenschmerz“, die Askese und die Jenseitsrichtung des offiziellen Judentums in Polen getrübt waren. Selbst sein Kultus des ״Zaddikismus“, mochte er auch mit so mannigfachen Übertreibungen und Mißbräuchen belastet sein, führte in das Judentum ein, oder vielmehr wieder ein die ״HeldenVerehrung“ mit der veredelnden Wirkung, die die Bewunderung eines Höheren stets auslöst. Aber er hatte auch negative Wirkungen und brachte Schäden mit sich, an denen die russische (und galizische) Judenheit bis heute noch krankt. Er betonte den Geist der jüdischen Absonderung, der in dem späteren Teil der polnischjüdischen Geschichte, wenn man so sagen darf, nur zu stark betont wurde. Seine Vorliebe für die Forderungen des Ge-