Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 150 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Die Juden in Rußland und Polen. Los mit den ״Zöllnern und Sündern״ zu teilen. Er bestritt mit aller Macht, daß er gekommen sei, zum Gesetze etwas hinzuzufügen oder etwas davon hinwegzunehmen; er wollte nur alte Wahrheiten, die vergessen zu sein schienen, wieder auffrischen. Er kämpfte für die Sache des warmherzigen, lebenspendenden Gemütes gegen die kühle talmudische Vernunftherrschaft seines Zeitalters. Der Chassid oder Fromme galt ihm mehr als der Talmid Chacham oder ״knochentrockene״ rabbinische Gelehrte. Er lehrte, daß das heißer Inbrunst entspringende Gebet den Menschen Gott näher bringe als kalte, voraussetzungslose Wissenschaft. Er bekräftigte wieder die Hechte der religiösen Freudigkeit gegenüber dem düsteren Geist der Askese, der sich wie ein Mehltau auf die polnische Judenheit gelegt hatte; die Mahnung des Psalmisten (100, 2): ״Dient dem Ewigen in Freuden, erscheint vor seinem Angesichte in Jubel“, war ihm der Ausdruck des wahren Geistes des Judentums. Das Bewußtsein der Sünde, das schwer auf den Massen lastete, die, den Quellen des Judentums entfremdet, nach Erlösung schmachteten, wurde nach seiner Lehre vom Zaddik oder Gerechten, der den Vermittler zwischen Gott und dem Menschen bildet, von ihnen genommen. Und, was noch bedeutsamer war, er selber erschien den Augen des Volkes als die Verkörperung des idealen Zaddik, der durch seine Frömmigkeit und durch seine Persönlichkeit den Menschen Gott näher brachte. Die Lehre des Chassidismus, so wie sie vom Beseht verkündet wurde, war zweifellos das rechte Heilmittel für die Schäden der Zeit, die zu beseitigen sie sich vorgenommen. Zwar enthielt diese neue Lehre, sich seihst unbewußt, Elemente, die den Hiß im jüdischen Leben hätten verewigen und ihn zu einer dauernden Spaltung hätten erweitern können. Zum Glück jedoch waren die Jünger von Israel BaaLSchem-Tob keine Fischer, sondern Gelehrte, nicht Männer der ungebildeten Masse, die den' gebildeten Ständen feindlich gesinnt waren, sondern Männer von Bildung, die bereit waren, zu den Massen hinabzusteigen. Seine Nachfolger stellten den Zu-