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Jeschurun · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 144 (sequence 26)
Language
German
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!44 Die Juden in Bußland und Polen. Die erbarmungslosen Verfolgungen und die qualyollen Ritualmordanklagen des siebzehnten Jahrhunderts breiten über das Leben der polnischen Juden das Leichentuch des Trübsinns. Die frühere Freude am Dasein macht schwermütigen Jenseitsgedanken Platz. Das Denken des Volkes wendet sich von der Welt der Wirklichkeit ab, die für sie in Wahrheit ein Tränental war, und verliert sich in die unbekannten Räume der Welt jenseits d^ Grabes. Die Literatur dieses Zeitabschuitts spiegelt diesen Gemütszustand wieder; sie ist voll von Betrachtungen über das Leben nach dem Tode, über Hölle und Paradies (meistens über die erstere) oder über die geheimnisvollen Kräfte, die [den Menschen auf dieser Erde heimsuchen, wie Dämonen, böse Geister, Zauberer, Amulette und so weiter. Wir besitzen Zeugnisse von verschiedenen polnischen Juden des siebzehnten und achzehnten Jahrhunderts, die bitter darüber klagen, daß kein Teil der Judenheit abergläubischen Vorstellungen und Übungen so ergeben sei wie die Juden ihres eigenen Landes, wenn man auch gerechterweise nicht vergessen darf, daß dieselbe Charakteristik auf Polen im allgemeinen zutrifft, wo man noch im Zeitalter der französischen Encyklopädisten Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Die autonome Organisation der polnischen Judenheit verfällt immer mehr und mehr, teils durch die feindselige Gesinnung der Regierung, teils durch die inneren Mächte der Zersetzung, bis sie im Jahre 1764 ihren Todestoß empfängt. Mit dem Zusammenbruch der jüdischen Selbstverwaltung wird nun das polnische Talmudstudium, das bei aller seiner geistigen Zuspitzung doch niemals den Zusammenhang mit der Wirklichkeit verloren hatte, des lebenspendenden Atems des praktischen Lebens beraubt und erstarrt nach und nach zu lebloser Kasuistik. Die polnische Geistestätigkeit artet in Scholastik aus. Die Pilpul-Methode, ursprünglich als ein geistiges Anregungsmittel angewandt, wird zur Disputierkunst und theoretischen Spielerei, die das ganze Wesen des polnischen Juden beeinflußt und ihren Stempel selbst seiner Ausdrucksweise und seinen Handbewegungen aufprägt.

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