Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 129 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Sabbatruhe und Freiheit. 129 satz der Selbständigen geltend macht, dem sie den ihnen mißgönnten Einfluß verdanken, den sie ״trotzalledem“ in Staat und Gesellschaft ausüben. Was die Sabbatruhe vor der Sonntagsruhe — selbst vor der englischen Sonntagsruhe — in erster Linie auszeichnet, ist das Bewußtsein des Ruhenden, daß er gar nicht in die Lage kommen kann, sie zu unterbrechen. So entsteht eine Stimmung, ein geistiger und seelischer Genuß, für den nur die hebräische Sprache einen terminus technieus geprägt hat: ״Auneg Schabboth“, ein Gefühl des Zufriedenseins in der Ruhe, das ein jüdisches Gemüt dichterisch zum Ausdruck gebracht hat in der bekannten Erzählung des kleinen Handelsjuden, der die Woche über schwerbeladen mit seinen Waren, seinen Packen auf dem Rücken, über Land geht, um ein paar Mark zu verdienen, am Freitag Nachmittag aber heimkehrt, ״seinen Packen und seine Sorgen von sich legt“, und nun am Freitag Abend mit Frau und Kindern am Sabbattisch sitzt, auf dem die Sabbatlichter brennen. Wenn nun die Schabbesfrau nicht bei der Hand ist, und Rothschild jetzt hereinträte und ihn fragte, kann ich dir einen Wunsch erfüllen, was du haben willst, soll geschehen, so würde er antworten: Rothschild, putz mir die Lichter 1). Dieses Losgelöstsein von aLem, was vor dem ״Sabbateingangs war und nach dem ״Sabbatausgang״ wieder sein wird, dieses Zufriedensein mit dem Gegebenen, ist mit Ruhe nicht erschöpfend bezeichnet. Es ist Seelenleben, es ist Freiheit. Das ist die Stimmung, in der der Mensch die Unabhängigkeit schätzen und lieben lernt, in der er ein Freund der Freiheit wird. Gewiß, heute pflegt nur ein Teil der Judenheit der Sabbatruhe in diesem Sinne. Groß aber ist unter den Juden noch immer der Kreis derer, die durch irgendwelche Be- Ziehungen verwandtschaftlicher oder freundschaftlicher Art — oft auch nur noch durch einen Sederabend, dem Feste der *) Heine, ״Die Bäder von Lucca“, IV.