Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292991--03413-2296690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sabbatrulie und Freiheit. 123 Ebenso echt wie die englische Sabbatruhe ist der englische Freiheitsbegriff. Im Gegensatz zur französischen ״Libert6% die darin besteht, daß jeder tut, was ihm beliebt — ohne Rücksicht darauf ob er dadurch dem Recht und der Bewegungsfreiheit des anderen zu nahe tritt — besteht die englische Freiheit darin, daß alles erlaubt ist, was dem Recht und der Freiheit anderer keinen Abbruch tut. Diese Auffassung der Freiheit involviert gleichzeitig die Achtung vor dem Gesetz. Und diese wieder die Achtung vor dem Vertreter des Gesetzes. Nichts charakteristischer für die Achtung des Volkes vor dem Gesetz, als der Vergleich zwischen dem Verhalten des englischen und französischen Kutschers gegenüber dem• Polizisten, der in London und Paris die Aufgabe hat, die Ordnung im Straßengewimmel aufrechtzuerhalten. Wenn in London der Vertreter des Gesetzes die Hand aufhebt, steht sofort der ganze riesige Wagen verkehr. Wenn sein Pariser Kollege das gleiche tut, sucht jeder Kutscher möglichst noch schnell an ihm vorbeizukommen. In den katholischen Ländern besteht die Sonntagsfeier mehr im Kirchenbesuch, weniger in der Arbeitseinstellung. Dementsprechend ist auch der Freiheitsdrang in diesen Ländern — was die strenggläubige Bevölkerung anbelangt — nicht sehr groß. In Frankreich sieht man auch am Sonntag — ein typisches französisches Straßenbild — den Flickschuster in seinem Schaufenster sitzen und arbeiten. Der Engländer vermeidet es streng — auch wenn er selbst nicht orthodox ist — am Sonntag öffentlich ״mechallel Schabboth“ zu sein, schon um das religiöse Gefühl anderer nicht zu verletzen- Dadurch ist der Engländer am Sonntag auch in der Ausübung seines Sports, der eine so große Rolle im englischen Leben spielt, behindert. Viele treiben ihn am Sonntag nicht, weil sie es öffentlich nicht mögen, viele nicht, weil es ihnen innerlich widerstrebt. Das hat mit zunehmendem Sport zu einem freien Spielnachmittag in der Woche geführt — selbst bis in die untersten Arbeiterschichten hinein. Als ieh im Jahre 1897 — also schon vor 22 Jahren — zum Studium des englischen 9*