Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Glossen. IIQ schnell zu erkennen, was im Osten um so viel näher liegt und doch selbst dort so schwer und selten erkannt wird, daß es eine der größten jüdischen Aufgaben, nicht nur in wirtschaftlicher, sozialer und nationaler, sondern weit mehr noch in sittlicher und vor allem in religiöser Beziehung ist, eine Berufsumschichtung, die Schaffung neuer jüdischer Berufe, eine Berufspolitik im Großen, hauptsächlich in der Richtung zu möglichster Entkommerzialisierung herbeizuführen. Und hoffentlich kommt die Zeit, da sich das ״Arbeitsamt der Sabbatfreunde“ in eine größere, allgemeinere Organisation einfügt — warum sollte dies nicht die Gesamt- und Weltorganisation der überlieferungstreuen Juden sein? —durch die die ״Umstellungs“-arbeit im größten Umfange und in allen möglichen An- Wendungen besorgt wird. Mehr als TaJctlosigJceiU Daß es unter den Juden, die die Um- ■wälzung in Deutschland und anderswo an erste und weithin sichtbare Stellen gebracht hat, auch solche gibt, die sich dahin bringen ließen, weil sie ihre Kraft der Allgemeinheit nicht vorenthalten zu dürfen glaubten — ist wahrscheinlich. Aber sie sind deshalb für ihr Verschulden nicht weniger verantwortlich. Wenn man dieses meist als Taktlosigkeit qualifiziert — oft nicht ohne mit demselben Athemzuge eine-ganze Li ste solcher Erhöhter wie ein Ruhmesblatt Israels zu behandeln — so ist ja damit die Wahrheit gesagt. Doch nicht die ganze, denn hinter dem gehäuften plötzlichen Erscheinen jüdischer Persönlichkeiten an Steuerstellen der neu montierten Staatsmaschine steckt mehr als Taktlosigkeit. Und zwar zunächst die Abwesenheit echter Opferwilligkeit für das Volk, dessen Heimat sie teilen und dessen Schwierigkeiten sie durch ihr Auftreten notorischermaßen vermehren. Dann Verantwortungslosigkeit gegenüber dem eigenen jüdischen Volke, das sie durch ihren Mangel an Zurückhaltung in eine schiefe Lage bringen und geradezu gefährden. Schließlich — und das ist wohl das Schlimmste — ein vollständiges Abgeirrtsein von der Geistesart eben dieses jüdischen Volkes, das in seinen gläubigen Massen, in seinen Gesetzgebern pnd in seinen großen Verkündern der Bonne des Messias in stiller, lebendiger Weisheit entgegenreifen will, aber gar keinen Sinn für jene kometenhafte Menschenbeglückung hat, die aus ganz anderen Geisteslagern als den seinigen stammt. ״Lemberg“. Der Lemberger und die anderen polnischen Pogrome haben uns in sehr anschaulicher Weise daran erinnert, daß Polen tatsächlich ״noch nicht verloren ist“, zugleich uns aber auch gezeigt, daß es doch verloren ist. Verloren in Ewigkeit und Zeit! Und wenn es daran jetzt nicht glauben will, — die Stunde kommt, da es daran wird glauben müssen.