Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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Über jüdische Geschichtsschreibung. 81 .Wie ■der scharfsinnige Jurist oft aus kleinen Nebenumständen die Wahrheit ermittelt, so läßt sich oft in der Exegese( des Talmud durch kleine, geringfügig scheinende Wendungen, durch nebenher gemachte Aeußerungen und durch die verschiedenen Ausdrücke, mit denen derselbe Gedanke an verschiedenen Stellen vorgetragen wird, der wahre Sinn herausfinden. Das ist die Methode, die im Buche ״Pne Jehoschua“ die größten Erfolge erzielte. Wir sahen da den Verfassen zunächst in die vorliegende Stelle sich vertiefen, auf alles achten, alles Auffällige ins Auge fassen, und während wir glauben, noch den Kritiker zu hören, baut sich schon fast unbemerkt der positive Gedanke auf, der dann immer klarer hervortritt, bis durch ihn nach einander die'Schwierigkeiten schwinden und alle Einwendungen früherer Erklärer von selbst hinfällig werden.“ Diese Charakteristik wird dann durch eine Reihe von Beispielen aus dem ״Pne Jehoschua“ beleuchtet, und der Leser erhält so ein Bild von der Persönlichkeit des großen Frankfurter Gelehrten. In ähnlicher Weise wird z. B. auch die Methode des R. Meir Schiff und des R. Pinchas Horovitz charakterisiert. Auf die Wichtigkeit der Geschichtswissenschaft für die Erziehung und für die Bildung des Charakters haben wir schon früher hingewiesen. In den Schulen war der Geschichtsunterricht von jeher ein Hauptmittel zur Stärkung des nationalen Empfindens. Das Studium der Vergangenheit, die Kenntnis des inneren iund äußeren Lebens der Vorfahren, ihrer Nöte und ihrer Leiden, ihrer Bestrebungen und ihrer Ideale, ist geeignet, den Zusammenhang mit dem eigenen Volke zu stärken, die Liebe zu seinen Kulturgütern zu erhöhen. Und hier liegt nun auch ein Grund für die Wurzellosigkeit der jüdischen Jugend. Sie weiß zum größten Teile nichts mehr von der Vergangenheit und von ihrem geistigen Inhalt, von den Leiden und* Freuden unserer Väter, weiß nichts davon, in welchem Maße die Thora mit allen ihren Lebensäußerungen verwachsen war, und darum ist sie ohne 6