Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Über jüdische Geschichtsschreibung. nicht sprechen; ihre Komposition wird übrigens auch von anderer Seite als unhaltbar abgelehnt. Aber auch in den späteren Epochen begegnen uns auf Schritt und Tritt Auffassungen, die für uns unannehmbar sind, und die der Voraus- Setzung von der Göttlichkeit der Thora und der Sonder- Stellung Israels inmitten der Nationen widersprechen. Die Art, wie Grätz die Heroen des tannaitisehen Zeitalters und ihre Lehrweise beurteilt, ist von S. R. Hirsch in seinen bekannten acht Artikeln einer so scharfen Kritik unterzogen worden, dalJ der Angegriffene nicht •einmal das Wort zu einer Verteimgung fand. Auch die Art, wie er manche der Amoraim, ihren Charakter und ihre Lehrweise beurteilt, verstößt gegen die ehrfürchtige Scheu, die wir gegenüber diesen Interpreten des göttlichen Gesetzes verlangen müssen. Die Eigenschaft der אמונת חכמים kennt Grätz nicht, und er macht ja auch' kein Hehl daraus, daß für ihn die mündliche Lehre keineswegs göttlichen Ursprungs, sondern das ausgeklügelte Geistesprodukt einer theologischen Gelehrtenkaste sei. Und wenn er auch dem Talmud und seiner Bedeutung gerecht zu werden sucht, so ist doch z. B. die Art, wie er die Zeit der Blüte des Talmudstudiums in Polen darstellt, charakteristisch für seine Auffassung. Er spricht von der immer zunehmenden ״Kniffigkeit“ der Lehrmethode, von der ,1Sucht, sich gegenseitig an Haarspaltereien zu übertreffen, von Schriftstellern, die immer mehr heraustüftelten und die rabbinische Literatur mit neuem Ballast bereicherten. Und dieses Urteil wird nicht etwa bloß auf die weniger bedeutenden polnischen Rabbiner angewendet, auch von einer so überragenden Persönlichkeit wie R. Sabbathai Kohen weiß Grätz nichts weiter zu sagen, 'als daß er ״neue Bemerkungen zu alten Schrullen“ machte und ״seine große Geisteskraft vergeudete, um Spinngewebfäden aufzulösen und wieder zusammenzusetzen.“ Weil ihm das tiefeindringende Verständnis für das talmudische Schrifttum fehlte, konnte er auch bei den polnischen Koryphäen des Talmud keine Verschiedenheit der Methode entdecken, und er fand darum ״ihren Gedankein-