Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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Über jüdische Geschichtsschreibung. 75 für das allgemeine Publikum brauchbare Jüdische Geschichte geschrieben, und was das bedeuten will, das wird uns klar, wenn wir uns die Anforderungen vergegenwärtigen, die eine solche Arbeit an den Forscher stellt. Die Geschichte des Judentums erstreckt sich über einen ungeheuren Zeitraum, sie umfaßt aller Herren Länder mit ihren verschiedenen Rassen und Sprachen. Wer diese Geschichte darstellen will, der muß nicht nur das Judentum selbst mit seiner schier unübersehbaren Literatur kennen, er muß auch die Geschichte seiner Wirtsvölker studieren, muß mit der geistigen Atmo- Sphäre vertraut sein, in der das Judentum in den verschiedenen Phasen seiner Entwicklung sich bewegte. Das sind Anforderungen, die die Kraft eines Menschen übersteigen. Trotzdem hat Grätz viele von den Eigenschaften besessen, die man von dem Historiker des Judentums verlangen muß. Und wenn auch seine Forschung vielfach die notwendige Tiefe und Gründlichkeit vermissen läßt, wenn auch ganze Partien seines Werkes unhaltbar sind, wenn man ihm auch im Großen und im Kleinen zahlreiche Fehler nachgewiesen hat, so ist er doch immer wieder von allen benutzt worden, und seine Geschichte wird in der Wissenschaft des Judentums stets einen bedeutenden Platz einnehmeh. Was ihm in weiten Kreisen der Judenheit eine so große Popularität verschaffte, das ist besonders die Liebe, die warmherzige Begeisterung, die seine Darstellugg kennzeichnet. Und wenn man ihn auch als einen Nationaljuden im eigentlichen Sinne nicht bezeichnen kann — das verbietet schon die wegwerfende Art, mit der er über die Ostjuden urteilt — so hat doch sein Werk einen stark nationalen Einschlag und hat dadurch auch zur Belebung des jüdisch-nationalen Gefühls viel beigetragen. Und trotz alledem können wir ihn als den Historiker des Judentums nicht anerkennen, und es hat die schwersten Bedenken, seine Schriften einer in ihrer Überzeugung und in ihrem Urteil noch nicht gefestigten Jugend in die Hand zu: geben. Von der biblischen Geschichte, die mit unseren Anschauungen ganz unvereinbar ist, wollen wir hier