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Jeschurun · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1919) · p. Seite 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
6 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 71 (sequence 73)
Language
German
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Über jüdische Geschichtsschreibung. 71 Allerdings, bei Geiger, der selbst ein Vorkämpfer der Reform gewesen ist, wird die Auffassung zur ausgesprochenen Tendenz, und damit hört sie auf, mit objektiver Forschung vereinbar Jzu sein. So sagt er z. B. in dem Vorwort zu dem bibelkritischen Werk ״Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums“, einem Buche, das voll ist von luftigen Hypothesen und gewagten Schlüssen: ״Das Talmudstudium muß von nun an, wenn es den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben will, sich ganz anders mit den Quellen befassen als bisher, es muß die arg hintangesetzte Wahrheit zu Ehren bringen und die hoch überschätzte babylonische Gemara auf die Stufe versetzen, die ihr gebührt als dem jüngsten und nach bestimmten Voraussetzungen umgewandelten Produkt, als einem neuen Werk, das mit Unrecht den Anspruch erhebt, der treue Mund des grauesten Altertums zu sein. — Was die Wissenschaft als eine geschichtliche Wahrheit für die Vergangenheit aufnimmt, das muß sie dann auch als einen Fruchtkeim aussstreujen für die Fo rtentwicklung des Judentums. Wenn der Boden der Geschichte aufgelockert wird und die Mächte aufgewiesen werden, die: unablässig an ihm gearbeitet haben, so muß auch weiter der geschichtliche Trieb wieder lebendig werden und der Lebenssaft weiter den Stamm durchströmen, um in neuer Frische geistige Früchte zu erzeugen. Die Erstarrung, der Tod eines jeden wahren religiösen Lebens, sich stützend auf angebliche Abgeschlossenheit, ' welche einmütig bezeugt werde, muß der Erkenntnis der geschichtlichen Bewegung weichen.“ Die Ergebnisse der geschichtlichen Forschung sollen also nutzbar gemacht werden für den Parteikampf der Gegenwart. Wenn der Forscher selbst leidenschaftlicher Parteimann ist, so wird diese Tendenz natürlich auch seine Forschung wesentlich beeinflussen und damit den Wert ihrer Ergebnisse stark herabmindem. Dagegen wird niemand es dem Historiker verwehren, seine eigene Weltanschauung zu haben und, von dieser aus, seine Werturteile zu fällen. So

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