Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Über jüdische Geschichtsschreibung. 6; Aber auch der äußere Verlauf der Geschichte wird uns in verschiedener Beleuchtung erscheinieöj je nachdem wir Israel als ein Volk unter den Völkern betrachten oder als ״ein Volk, das gesondert wohnt und unter die Völker sich nicht rechnen läßt“. Im letzteren Palle werden wir bei jedem Ereignis zuerst fragen: Wie hat diese geschichtliche Begebenheit auf Israels Eigenaufgabe als עם סגלה, als Träger der Thora, eingewirkt? So hat z. B. die Gründung des Lehrhauses in Jabne durch R. Jochanan ben Sakkai nur von diesem Standpunkt aus ihre epochemachende Bedeutung: aus ihr erwuchs die Rettung, die Erhaltung der Thora. Wenn deshalb Zangwill auf einein der zionistischen Kongresse R. Jochanan und seine Tat geringschätzig beurteilte, so liegt darin zweifellos eine gewisse Konsequenz. Denn wer Israel in eine Reihe mit den anderen Nationen stellt und die Idee, der es zum Werkzeug dient, nicht anerkennt, der mag wohl auch die Meinung vertreten, daß es für das jüdische Volk ein seligeres Los gewesen wäre, nach dem Untergang seines Staates ״in Schönheit zu sterben“, als um der Idee der Thora willen seinen vielhundertjährigen Leidensweg durch die Geschichte zu gehen. Wenn wir aber die Anerkennung jener religiösen Wahrbeiten als unerläßliche Voraussetzung jeder Geschieht®- betrachtung im Sinne des überlieferten Judentums ansshen, so müssen wir die Frage aufwerfen: Ist auf dieser Grundläge Geschichtsschreibung im modern-wissenschaftlichen Sinne möglich? Vorweg sei darauf 'hingewiesen, daß Geschichtsforschung in der Thora selbst gefordert wird. Gedenke, der Tage der Vorzeit, betrachtet die Jahre vergangener Geschlechter.“ (V. B. M. 32, 7.) Und es ist dies auch zu verstehen, wenn wir uns den hohen ethischen Wert des1 geschichtlichen Studiums vergegenwärtigen. So sagt Schopenhauer: ״Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, ist auf die Gegenwart der jetzt lebenden Generation beschränkt, erst durch die Geschichte wird ein Volk sich seiner selbst vollständig 5*