Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Das Gebet für den Lnndesfürßten. tisemiten, die den Juden die Liebe zum Vaterlande absprechen, die sie als vaterlandslose Feinde der Regierung verleumden. Aber ebenso hat — jetzt sieht man wohl davon ab — der Antisemitismus des 15.—18. Jahrh. das Königsgebet zu einer Waffe gegen die Juden geschmiedet: sie drehten die Wort• um, legten einen anderen Sinn hinein, und unter der Maske patriotischer Gesinnung überschütteten sie ihren König mit Flüchen1), gerade so, wie der Midrasch den Text erweiternd die Worte Haman in den Mund legt. Der Antisemitismus der Epigonen hat nichts Neues hervorgebracht, und wenn sie die Fluchtätigkeit der Juden zu einer synagogalen Handlung machen, so läßt sich wohl daraus schließen, daß sie irgendwo einmal, vielleicht von einem der Renegaten, die sich in der Hetztätigkeit gegen ihre früheren Glaubensgenossen eine so traurige Berühmtheit erworben haben, von unserer Stelle im Targ. Scheni unterrichtet worden seien, die sie dann für ihre niederträchtigen Zwecke ausnutzten. Nun könnte man fragen, woher es denn kommen mag, daß erst das 13. Jahrhundert den sicheren Nachweis eines der Liturgie der Synagoge angehörenden Gebetes für die Regierung erkennen läßt und bis dahin vollständiges Schweigen darüber herrscht? Es mag dies rein zufällig sein. Aber vielleicht mag auch das bisher Erwähnte die Antwort darauf geben. Das Königsgebet wußten die Judenfeinde zu einer der schlimmsten und für die Juden gefährlichsten Verleumdung auszunutzen: sie fluchten der Regierung, sie seien Feinde ihres Vaterlandes, wünschten dem König und ihren Mitbürgern Untergang und Verderben, es wäre also zu befürchten, daß sie im Falle eines Konflikts ihres Staates mit einem andern Landesverrat üben würden. Das dürfte vielleicht die Juden veranlaßt haben, dieses Gebet eine längere Zeit hindurch einzustellen, um den .Judenhassern eine ihrer ergiebigsten Lügenquellen zu verstopfen. *) Vgl. Sehudt ״Jüdische Merkwürdigkeiten“ VI. B. 33 K., der mit sichtlichem Behagen reiches Material lügenhafter Verleumdung über diesen Punkt zusammengetragen hat.