Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Keine ״Neuorientierung“. 4! alte Lebensformen zerfallen, wenn tiefgreifende Wandlungen das Aussehen der Welt und der Menschheit verändern, dann müssen wir uns fragen, ob die Voraussetzungen, auf denen wir unsere bisherige Lebensauffassung aufgebaut haben, noch zuRecht bestehen, ob all das, was wir bisher für selbstverständlich hielten, auch wirklich so klar und selbstverständlich ist, ob wir alle unsere Urteile von früher her noch in vollem Umfange aufrechterhalten können. Und erst nachdem wir uns auf diese Weise einer Selbstprüfung unterzogen haben, mit uns selbst zu Rate gegangen sind, können wir dann unser endgültiges Urteil fällen. Das heißt in der Tat: umlernen! Und nun, wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir uns fragen: Hat bei all’ denen, die sich jetzt zu den jüdisch-nationalen Forderungen bekennen, diese innere Umkehr auch wirklich stattgefunden? Ist die veränderte Haltung der deutschen Judenheit wirklich die Folge einer tiefen inneren Wandlung? Und weil diese Frage verneint werden muß, sage ich: Das ist nicht der richtige Weg! Nicht eine ״Neuorientierung“, nicht eine äußere Anpassung an die bestehenden Verhältnisse brauchen wir, sondern etwas ganz anderes! Die deutschen Juden müssen sich das jüdische Problem nochmals vor Augen fahren, sie müssen sich redlich bemühen, für dieses Problem eine Lösung zu finden. Und sie sollen sich dann überzeugen, daß Palästina, das uns jetzt so viel nähergerückt ist, die einzige Lösung für dieses Problem bildet. Nicht infolge äußerer Geschehnisse, sondern aus sich selbst heraus sollen sie dazu gelangen. Erst wenn die deutschen Juden sich zu dieser Überzeugung durchringen, wird auch ihre Beziehung zu Palästina eine andere werden. Nicht äußerlich und formal, wie bisher, sondern innig und organisch muß sie sein! Denn nicht bloß auf unsere Fahne wollen wir ״Palästina“ schreiben, In unser Herz wollen wir es einprägen, damit wir fühlen, wie ewig und unzertrennlich wir mit diesem Lande unserer Vergangenheit und unserer Zukunft verbunden sind! Nicht zum Teil unseres Programms, sondern zum Teil unseres selbst soll Palästina werden! Es soll zu einem dominierenden