Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1918-08-01 · Heft 8-9 (August 1918) · p. Seite 469

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 8-9 (August 1918)
Date
1918-08-01
Page
Seite 469 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2292929-2292980-2292986--03033-2296308
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zionismus, Nationaljudentum und gesetzestreues Judentum. 469 Völkergruppen plötzlich vor Inhalte gestellt werden, die für sie neu sind — wie dies bei den europäischen Völkern der Fall war, als sie zu jüdischen Ideen sich bekennen, sollten. Bauschen die Tatsache auf, daß Menschen in ihrer Unzulänglichkeit und oft auch durch die Treibereien der passionierten Formenfeinde gereizt und erschreckt, auf die Form bedacht, des Geistes nicht in so großer Sorge gedenken, wie man billig von ihnen erwarten sollte, und kommen nicht dahinter, daß trotzdem Form niemals den Geist getötet hat, sofern sie eben Ursprungsgleich, für einander geschaffen waren, wie im Judentum. Lassen sich von Leuten, die bei ihrer weltdurchseuehten Grundstimmung gar keine Möglichkeit haben, die vulkanische Religiosität der gesetzbestimmten Juden zu gewahren, das Gesetzesleben verekeln. Finden kein Wort der Zurückweisung, wenn ihnen ihre jüdische Religion als Urbild allen Brauchtums hingestellt, ,wegen ihres ״Gesetzes“, das jeden Schritt des Lebens beschwere, jede ־Unscheinbarkeit in der lächerlichsten Weise regle und umriegle, verspottet wird. Merken nicht, daß es nur ihr formalistisches Denken ist, daß ihnen gerade die Formen als viel zu viele erscheinen läßt, die tiefster Ernst zu Staffeln macht, von denen sich sehnsüchtige Menschlichkeit zur Gottheit emporschwingen will und die tausend Förmlichkeiten oft verschrobenster Gesellschaftlichkeit gut heißt. Fühlen nicht, daß ״lächerlich“ ein Wort ist, das im Wortschatz des echten Juden nicht vorkommt und nur die eingeborene Undulasamkeit gegenüber anderer Art, den naiv grausamen Hohn gegen alles, was die eigene Laune reizt, die ganze spielerische Rechenschaftslosigkeit einer Menschheit verrät, die ihr Tagewerk auf dieser Welt nicht mit Gottes Gerechtigkeit begonnen hat. Können nicht begreifen, daß in einem Gebilde, das von innerer Einheit nur so strotzt, wie das Judentum, nicht jede hergelaufene Säusel- oder Werktagsseele Anspruch machen darf, aus durchsichtigen Bequemlichkeits- und Zweckmäßigkeitsgründen den Reformator zu spielen, sondern daß hier nur Ausgestaltungen möglich sind, die aus dem Geiste unbedingtester Treue und aus dem uneingeschränktesten Willen zur Erhaltung des ganzen Glaubensgutes — des Inhaltes samt der Form — von feierlichen, gottbegnadeten Mensehen eingeleitet und vom gläubigen Volke genehmigt werden. Glauben, daß, was den gottesmächtigen, herben Propheten erlaubt war, auch den gottverlassenen, trockenen Gottesleugnern und säuselnden Gottsuchern und Gottdrechslern von heute erlaubt sein muß. Übersehen, daß es nicht dasselbe ist, wenn mahnende Ewigkeitsmenschen in Zeiten, da des Schlammes im Strombette des Glaubens zu viel wurde, ihre Stimme gegen die Schmach des Schlammes donnern ließen, und wenn kleine Zeitkerlchen in Zeiten, da die Stromufer weichen, diese noch unter wühlen— mit keiner anderen möglichen Aussicht, als daß der Strom versickere und gerade nur der Schlamm übrig bleibe.“ 32

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.