Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1918-08-01 · Heft 8-9 (August 1918) · p. Seite 462

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
5 (1918)
Issue
Heft 8-9 (August 1918)
Date
1918-08-01
Page
Seite 462 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2292929-2292980-2292986--03026-2296301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

462 Zionismus, National]־iidentum und gesetzestrenes Judentum. und die peinliche Beobachtung jeder festgelegten Vorschrift Aber kurz vor dem Beginn der Feier ein Summen und Surren, oft fröhliche Unterhaltung, von der Wucht einer bis ins Tiefste dringenden Trauer, die die ganze Seele gefangen nimmt keine Spur. Für die Art, wie die Seele des Ostjuden an diesem Tage von dem Gedanken an die Bedeutung des Tages beherrscht wird, einen kleinen Beleg. Da ging einmal einer — es war sogar ein seit Generationen in Deutschland Eingebürgerter aber durch Erziehung und Umgebung vom Geiste des Ostjudentums Ergriffener mit seinem sechsjährigen Knaben an diesem Tage nach Schul. Auf dem Wege lag ein Kätzchen* und das Kind blieb einen Augenblick zurück, um es zu streicheln. Da erbleichte der Vater, wie nur ein plötzlicher, an die Seele greifender Kummer einen Menschen erblassen läßt: Sein Sohn, seine Hoffnung hat an diesem Tage und auf diesem Wege einen Gedanken übrig für solche Dinge! Nein, wir sind keine Zionisten, nicht mehr solche wie unsere Ahnen es waren, nicht so wie es unsere Brüder im Osten sind. Auch hier hat das וישמן ישורון ויבעט seine Wirkung geübt. Wir sind nicht mehr die Tochter Zion, wir haben unsere Mutter vergessen, weil es uns im großen und ganzen hier doch recht leidlich geht, die Familiengruppen einander stützen und eine jede schon dafür sorgt und wegen der geringen Zahl der Juden dafür sorgen kann, daß keines ihrer Glieder völlig unter die Bäder kommt. Vielleicht war das auch die Ursache zur Zeit der spanischen Periode, in der Jehuda Halevy lebte, daß die Wohlfahrt, der sich seine Landesgenossen erfreuten, aus ihrem Innern jene Zionsliebe schwinden ließ, die für Zion alles dahingibt. Doch wie kann der Sinn für zeitliches Glück in dem frommen Juden eine Sehnsucht tilgen, die doch so tief religiös verankert ist? Das eben ist das zweite Übel: daß unser religiöses Empfinden im allgemeinen verkümmert ist. Wir sagen es oft genug: ״Von *Zion geht die Lehre aus“, aber es sind nur einzelne Strahlen, die wir in uns aufnehmen, die ganze Sonne ist es nicht, die uns erleuchtet, nicht das Feuer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.