Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 445 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2292980-2292986--03009-2296284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zionismus, ISTationaljudentum und gesetzestreues Judentum. 445 des Bestrebens, eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu schaffen, ja auch in der weiteren Form der Gründung des Judenstaats völlig unerfindlich, wie diese Bestrebungen, die immer doch nur einen Teil der Judenheit in Mitleidenschaft ziehen könnten, einen Mangel an Vaterlandsliebe verraten sollten. Das Solidaritätsgefühl gewisser Gruppen ist freilich stets von gewissenlosen Gegnern durch ein Schlagwort gebrandmarkt worden, man sprach von der roten, der schwarzen, der goldenen Internationale. Aber das wurde von den rechtlich denkenden immer als politische Brunnenvergiftung angesehen. Das Streben, den Unterdrückten und Umhergejagten eine Heimat zu schaffen und für dies Streben das ganze Judentum solidarisch zu erklären, durfte von einem Gegner den Juden nie als Mangel an Patriotismus ausgelegt werden. Aber diejenigen, die selbst jederzeit sich bereit halten, den Staub des Bodens, auf dem sie geboren sind, von ihren Füßen zu schütteln, und in das heilige Land zu ziehen, nach Palästina? das sollen also die Vaterlands Verräter sein. Wie Unzählige verlassen tagtäglich ihr Land, weil ihnen auf fremdem Boden nur ein sicherer Lohn winkt! Wir denken nicht daran, sie zu verurteilen. Und wenn das noch im Dienste eines Kulturwerkes geschieht, wenn sie Werte schaffen, materiell oder geistig ihre neue Umgebung bereichern, so erscheint uns das noch verdienstlich und selbst, wenn sie ihrerseits die Verbindung mit dem Heimatlande lösen, hat ihr Name dort noch guten Klang und keinem fiele es ein, ihren derzeitigen Entschluß um des mangelnden Patriotismus willen zu tadeln. Und wie kann ein gesetzestreuer Jude den, der für eine der höchsten Ideen sein Geburtsland verlassen will, für die Idee der Wiedergewinnung des heiligen Landes für die Judenheit, mangelnder Vaterlandsliebe zeihen? Ein Jude, der täglich dreimal in den mannigfachsten Wendungen darum bittet, nach Zion zurückkehren zu dürfen, dessen ganzes Leben auf die Erinnerung an das heilige Land eingestellt ist. Und man kann nicht einmal den Einwand machen, daß es sich für uns bei Erfüllung dieser Gebete um eine völlige Umkehrung aller Ver-