Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- – (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherbesprechung. 377 Überzeugungskraft nur noch den Willen kundtut, den alten Geist der sinaitiscben Lehre zu herrlicher Entfaltung zu bringen. Der andre, ein junger deutscher Jude, eine starke Persönlichkeit von tiefer und umfassender Bildung, durch seine Erziehung den lebendigen Kräften des Judentums fast völlig femgehalten — und jetzt, durch hingebungsvolle Versenkung in die Tiefen des jüdischen Schrifttums zum entschiedenen Bejaher und begeisterten Verfechter der Daseinsberechtigung des Judentums geworden. Die praktischen Vorschläge des einen wie des andern betreffen uns gesetzestreue Juden des Westens nicht direkt, selbst wenn wir sie ausnahmslos für verwirklichungsfähig und -würdig erachten: Birnbaum, erstrebt mit seiner Förderung des völligen Abschlusses von der nichtjüdischen Welt in ländlichen Siedlungen mehr als wir angesichts der tatsächlichen Verhältnisse zugestehen können; Bosenzweig wünscht mit der — allerdings durch politische Bücksichten erklärten — Beschränkung auf zwei Stunden hebräischen Unterrichts und engerer Verbindung von Schule und Gottesdienst, ohne gründliche Umgestaltung des Familienlebens und jüdische Schule, weit weniger als wir für dringend erforderlich ansehen. Und dennoch weht uns aus beiden Schriften ein so erquickender Frühlingshauch des Zukunftsglaubens und der Entschlossenheit entgegen, daß selbst diejenigen unter uns, die etwa im Kampf ermattet, von Enttäuschungen zermürbt sind, wenn sie diesen Hauch verspüren, neugestärkt ans Werk gehen werden, um zu beweisen, daß die überlieferungstreue Judenheit des Westens kein abgestorbener Zweig am Baume des jüdischen Volkes, sondern durchaus fähig ist, frische Blüten zu treiben und Früchte reifen zu lassen, die dem alten Stamme zur Ehre gereichen. Im Bahmen einer Besprechung ein auch nur einigermaßen erschöpfendes Bild des Inhaltes zumal der Bimbaumschen Broschüre zu geben, die durch ihre Gedankenfülle manches dickleibige Buch beschämt, halten wir für unmöglich und auch für schädlich; nicht einen Ersatz für die Lektüre zu bieten, sondern sie anzuregen sei der Zweck dieser Zeilen. Wie Birnbaum seine Entwicklung vom politischen Zionisten zum glaubenstreuen Juden mit verhaltener Glut mehr andeutet als erklärt, wie er mit — seit S. B. Hirsch s. A. unerhörter — Kraft und Eindringlichkeit die Berufung des jüdischen Volkes schildert, den Gegensatz jüdischen und heidnischen Geistes, die Einwirkung des ersteren auf den letzteren, den fortschreitenden Kampf des Heidentums gegen seinen Bezwinger seit des Humanismus Tagen, das Eindringen heidnischen Wesens in die stille Bucht Judas; wie er mit gewaltigem Pathos die völlige Selbstent־׳ äußerung so vieler, allzu vieler Juden geißelt und 1ms die Abtrünnigen als Bannerträger im Kampf gegen das jüdische Prinzip der Gottesunter־ tänigkeit vorführt — wohl der packendste Teil des ganzen Werkchen —, wie er mit leidender Seele von der Schuld auch der Treugebliebenen spricht, die wohl die Kraft besaßen; ״Welt und Zeit zu widerstehen“,